München

Nächsten Mittwoch, 11.30 Uhr, geht in Bayern eine politische Epoche zu Ende. Mit den Trommelwirbeln des bayerischen Defiliermarsches, der im weißblauen Freistaat bei keinem publikumswirksamen Auftritt fehlen darf, wird Franz Josef Strauß sein Aschermittwochs-Debüt in der schmucklosen „Nibelungenhalle“ zu Passau geben, um dort ein für allemal eine deftige Politgaudi zu begraben, die alljährlich mehr Aufsehen erregte als ihr eigentlich zustand: den Nach-Faschings-„Dischkurs“ von Vilshofen, der außerhalb Bayerns als Markenzeichen exotischen Bajuwarentums gilt. Weil der traditionsreiche schlechtgeheizte Bräusall des Wolferstetter Kellers mit seinen 1000 engen Sitzen und dem jeden Gedanken vernebelnden Bierdunst dem Ansturm der Öffentlichkeit nicht mehr standhält, wechselt, so lautet die offizielle Begründung, Katerredner Strauß in diesem Jahr ins 21 Kilometer entfernte Passau über. Dort faßt die im Dritten Reich errichtete Mehrzweckhalle, die auf die damals hoch verehrten Nibelungen getauft wurde, immerhin mehr als 5000 Zuhörer und ist, samt Platz für Fernsehen und 200 anreisende Journalisten, just das rechte Auditorium für den ersten öffentlichen Auftritt des weitgereisten CSU-Vorsitzenden nach dessen Besuch beim großen Vorsitzenden Mao.

In den Augen der CSU-Organisatoren gilt die niederbayerische Dreiflüssestadt als geradezu ideal, um von Strauß auch die letzte Spur gelblicher Infizierung abzuwaschen. „Passau ist die ‚schwärzeste‘ kreisfreie Stadt Bayerns“, verkündete die Passauer Neue Presse des Johann Evangelist Kapfinger schon letzten Samstag voller Stolz und interpretierte damit die Erkenntnis des CSU-Kreisvorsitzenden Gebhard Glueck, der es als sein ureigenstes Verdienst wertet, daß die CSU in Passau bei der letzten Landtagswahl 67,7 Prozent der Stimmen errang. Dies allein ist für Strauß und seine Politmanager freilich nicht Grund genug, die ein Vierteljahrhundert alte Tradition des Vilshöfener Aschermittwochs einfach über Bord zu werfen. Seit einiger Zeit werkeln sie verbissen daran, das Image der CSU und ihres Vorsitzenden jenseits der Mainlinie zum Jahr der Kanzlerkandidaten-Kürung auf Hochglanz zu polieren. Sie wollen nicht noch einmal das Risiko eingehen, den just zum politischen Weltmann avancierten Strauß inmitten niederbayerischer Bierdimpfln zum „Vilshofener Staatsmann“ degradieren zu lassen.

Dabei hat die CSU jahrzehntelang von Vilshofen ebenso gut gelebt wie Brauereibesitzer Georg Huber, der nun beklagt, tausend Maß Bier weniger auszuschenken, die Strauß’ durstige Zuhörer unter tätiger Mithilfe des Vorsitzenden sonst jeden Aschermittwoch als Stimulans durch die Kehle rinnen ließen. Nach dem Krieg kam es der CSU nicht ungelegen, zur Aufbesserung des damals noch von der Bayernpartei beanspruchten Rufes weißblauer Heimattreue in die Fußstapfen der bayerischen Patriotenpartei treten zu können, die den Aschermittwochdiskurs in der 1200 Jahre alten Stadt 1866 nach der Niederlage gegen Preußen begründet hatte. Was einst der „Verpreußung Bayerns“ einen Riegel vorschieben sollte, wurde mit Hilfe von Strauß zur „letzten Bastion des christlichen Abendlandes“ – zumindest außerhalb Bayerns. Denn für weißblaue Ohren klang der Schlachtruf nicht neu: Er war schon ein halbes Jahrhundert zuvor auf den Pferdemärkten der traditionsbewußten Niederbayern geboren worden, wo sich Patrioten und Volksparteiler wenigstens in der Abwehr nördlichen Unglücks einig waren. Für Vilshofen bedeutete indes der Auftritt von Strauß alle Jahre wieder die bundesweite Festigung eines Rufes, der den Bewohnern der Stadt nicht gerecht wurde. Daß sie nicht die tumb-trunkenen Beifallklatschen sind, bewiesen sie spätestens im Juni 1972, als sie den Sozialdemokraten Alfons Gerstl mit 94,5 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister wählten.

Für die professionellen Vilshofen-Besucher erstarb der Reiz der Aschermittwochsgaudi schon vor mehr als einem Jahrzehnt. Früher, als noch Kundschafter zwischen dem Wolferstetter und dem Kirchenwirt, wo die Bayernpartei tagte, hin und her eilten, um den Rednern die markigen Worte der Konkurrenz zu hinterbringen und die Antwort gleich wieder zurückzutragen, da gab es noch Spannung und manchmal von Maßkrügen blaugeschlagene Augen am Zusammenfluß von Vils und Donau.

Daß er in der nüchternen Atmosphäre der Nibelungenhalle von Passau wiedergeboren wird, glauben selbst die größten Optimisten nicht, obwohl sich die CSU dazu durchrang, am Tag nach dem Fasching wenigstens den Bierhahn öffnen zu lassen. Vilshofen, das vielbesungene, wird indes aus der deutschen Innenpolitik weitgehend verschwinden. Da zieht jetzt am Aschermittwoch die SPD in den von Strauß verlassenen Wolferstetter Keller, in diesem Jahr mit dem Festredner Conrad Ahlers, der den Niederbayern die Weltlage mit hanseatischer Zunge verdeutschen wird.

Rolf Henkel