Von Felix Spies

Die Baustellen sind übers ganze Land verstreut. In Brunsbüttel an der Unterelbe errichtet der Bayer-Konzern auf einem Grundstück von 3,8 Quadratkilometern Größe in erster Baustufe für 340 Millionen Mark zwei Fabriken für Polyurethan-Kunststoffe. In Mühlheim baut Mannesmann für 370 Millionen Mark das größte Großröhrenwerk überhaupt. In Nienburg zieht das Flick-Unternehmen Dynamit Nobel für 150 Millionen Mark ein neues Werk für Chemiefaser-Rohstoffe hoch.

Der Energie-Gigant Veba hat nach dem Zusammenschluß mit Gelsenberg für 1975 und die kommenden Jahre jeweils 2,5 bis drei Milliarden Mark an Investitionen eingeplant. Der Stromkonzern RWE budgetiert in diesem Jahr rund zwei Milliarden für neue Kraftwerke. Der Chemie-Riese Hoechst, der schon 1974 zwei Milliarden Mark in neue Anlagen pumpte, möchte in den nächsten zwölf Monaten sogar, so Hoechst-Chef Rolf Sammet, „Projekte im Gesamtwert von 2,8 Milliarden Mark in Angriff nehmen“.

Investieren, daran besteht kein Zweifel, ist keineswegs aus der Mode gekommen: Die meisten deutschen Firmen wollen 1975 soviel oder sogar mehr in neue Anlagen stecken als im vergangenen Jahr – rund 36 Milliarden Mark allein die verarbeitende Industrie.

Wie viele Arbeitsplätze damit in diesem und den kommenden Jahren neu entstehen, läßt sich indes mit Bestimmtheit nicht vorhersagen. Denn zu einem nicht unbeträchtlichen Teil fließen die Gelder, besonders in den derzeit lahmenden Branchen, in die Erhaltung und weitere Rationalisierung der bestehenden Werksanlagen – wodurch eher Arbeitsplätze wegfallen. Und zum anderen gehen stattliche Summen der budgetierten Beträge ins Ausland. Hoechst beispielsweise investiert von den 2,8 Milliarden Mark in diesem Jahr nur rund zwei Fünftel in der Bundesrepublik, die übrigen sechzig Prozent wandern über die Grenze: 600 Millionen allein in die USA, 300 Millionen nach Holland, 200 Millionen nach Brasilien.

Die Prognos AG in Basel hat trotz dieser Ungewißheiten einen Blick auf den deutschen Arbeitsmarkt von morgen versucht. Welche Wirtschaftsbereiche, so fragten sich die Wissenschaftler des renommierten Wirtschaftsforschungsinstituts, wachsen noch, welche werden stagnieren oder gar schrumpfen? In welchen Branchen gibt es auch künftig Expansion und damit zusätzliche Arbeitsplätze, welche dagegen sind die Verlierer? Nach langwierigem Zahlenpuzzle und mit Hilfe eines Großcomputers präsentierten sie Ende des vergangenen Jahres mit dem „prognos euroreport 1975“ (Trends in the Industriell Countries of Western Europe up to 1985) ihre Antwort.

In den nächsten fünf Jahren, so prognostiziert das kommerzielle schweizerische Forschungsinstitut (Mehrheitsaktionär bei Prognos ist der Schweizerische Bankverein), bleibt die Zahl der Beschäftigten in der Bundesrepublik trotz einer Zunahme der Arbeitssuchenden mit 25,8 Millionen praktisch konstant. Im folgenden halben Jahrzehnt, 1980 bis 1985, steigt die Zahl der Arbeitsplätze um rund 300 000. Die großen Wachstumsbereiche der nächsten Dekade sind mit jährlichen Zuwachsraten von 3,1 Prozent das Bank- und Versicherungsgewerbe, mit einem Jahresplus von 1,7 Prozent der öffentliche Dienst und schließlich an dritter Stelle mit einer jährlichen Rate von 0,7 Prozent Verkehr und Kommunikation. Bei Banken und Versicherungen werden 1985 etwa 930 000, im öffentlichen Dienst 3,9 Millionen und im Verkehrs- und Kommunikationswesen knapp 1,7 Millionen Menschen beschäftigt sein.