Von Hegel bis heute: Das Amerika der Abendländer

Von Klaus Schwabe

Im Bestreben, auf der Höhe der Zeit zu bleiben, sprechen unsere Massenmedien heute nicht mehr von der bolschewistischen, sondern von der „sozialistischen“ Sowjetunion, offenbar um so die geringer gewordene Distanz zwischen uns und der östlichen Weltmacht anzudeuten. Genau umgekehrt, so scheint es bisweilen, entwickelt sich unser Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Diese sind uns, folgt man dem Sprachgebrauch einiger Zeitgenossen, als „kapitalistische Supermacht“ ferner gerückt: Der Anti-Amerikanismus, eine kurze Zeit lang durch seine braune Vergangenheit diskreditiert, ist längst wieder literarisch und publizistisch salonfähig geworden. Wie weit, zeigt auch das Buch von

Manfred Henningsen: „Der Fall Amerika. Zur Sozial- und Bewußtseinsgeschichte einer Verdrängung. Das Amerika der Europäer“; List Verlag, München 1974; 275 S., 28,– DM.

Sein Autor, der durch eine Toynbee-Studie bekanntgewordene, jetzt an der Universität von Hawaii lehrende Politologe, möchte den zeitgenössischen Anti-Amerikanismus auf das ihm zugrundeliegende, gegenwärtige und vergangene „Ideologiemilieu“ hin analysieren; das heißt, er möchte ihn auf seine historischen Quellen im 19. Jahrhundert zurückführen, diese anti-amerikanischen Quellen ihrerseits mit dem europäischen Amerikabild der letzten 150 Jahre in Beziehung setzen und schließlich das so vertiefte gegenwärtige europäische Amerikabild dem politischen Selbstverständnis der heutigen Amerikaner gegenüberstellen. Er will damit einen Beitrag sowohl zur Sozial- als auch zur Bewußtseinsgeschichte der westlichen Welt beisteuern. Das alles auf 270 Seiten! Kann das gut gehen?

Tatsächlich läuft diese Studie bei ihrer zeitlich und sachlich so weit gespannten Thematik dann auch auf eine ideengeschichtliche Gipfelwanderung hinaus. Eine Ausnahme bildet nur das knappe Kapitel über das Amerikabild der Einwanderer im 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Was die Amerikabilder dieser „repräsentativen Interpreten europäischen Selbstverständnisses“ alle miteinander verbindet, ist nach Henningsen ein Mißverständnis, das von dem Unvermögen der Europäer herrühre, Amerika als Phänomen eigener Art nach dessen eigenen Maßstäben zu messen und nicht nur durch die europäische Brille zu sehen.