Eines Tages kam der Regierung die Idee, das Volk durch ein Geschenk zu erfreuen. Sie wollte sich dabei nicht lumpen und mal was springen lassen, auch wenn es sie 14 Milliarden kosten würde. Das Geschenk sollte auch nicht wie ein Wahlgeschenk aussehen, dennoch hoffte die Regierung auf ein bißchen Dankbarkeit seiner Empfänger. Aber was sollte sie schenken?

Für diese Regierung kam als Geschenk natürlich nur eine Reform in Frage. Es mußte allerdings eine besondere Reform sein, die üblichen Reformen – von der Mitbestimmung über die Vermögensbildung bis zur Bildungsreform – hatten die Bundesbürger schon, vielmehr: würden sie sowieso bald bekommen. Da schlug ein findiger Kopf aus dem Regierungslager eine Steuerreform vor. Von dieser Idee waren fast alle sofort begeistert.

Das Geschenk sollte auch einen Namen tragen. „Wie wär’s mit Jahrtausendwerk?“ schlug ein Staatssekretär vor, dessen Namen die Redaktion nicht nennen möchte, um ihn und seine Familie vor Schaden an Leib und Gut zu bewahren. Ein anderer fand, das sei vielleicht zu hoch gegriffen, und schlug vor, es bei „Jahrhundertwerk“ bewenden zu lassen, was allgemeine Zustimmung fand. Daraufhin wurde den Steuer-Fachleuten die Weisung erteilt, ein besonders schönes und brauchbares Geschenk herzustellen.

Als das Geschenk fertig war, wurde es der Opposition gezeigt. Da es ein Geschenk der Regierung war, konnte sie es nicht schön finden, aber auch nichts dagegen haben, dem Volk ein Geschenk zu machen. Um wenigstens auch zu seinen Wohltätern zu gehören, nörgelte sie ein bißchen daran herum, schlug ein paar Änderungen vor und billigte es schließlich.

Das Geschenk wurde wie vorgesehen am 1. Januar überreicht. Die Regierung hegte dabei zwar gemischte Gefühle, denn das Geschenk hatte einige Pferdefüße. Aber sie hoffte insgeheim, diese würden nicht gleich entdeckt werden, und dachte auch an das zinslose Darlehn, das ihr das Geschenk einbringen würde.

Leider entdeckten die Beschenkten sofort, daß es sich um ein Danaer-Geschenk handelte, und erhoben ein entsetzliches Geschrei. Da kamen doppelverdienende Ehefrauen angerannt, die es nicht verstehen konnten, warum sie ausgerechnet im „Jahr der Frau“ 62 Prozent ihres Einkommens weggesteuert bekamen, und wollten sich am liebsten gleich scheiden lassen. Da wüteten geschiedene Ehepartner gegen ihre Benachteiligung und drohten, eher ihre verhaßten Ehepartner wieder zu heiraten, als in der neuen, falschen Steuerklasse sitzen zu bleiben. Es schien fast so, als hatten nur Menschen keinen Grund zur Klage, die weder verheiratet noch geschieden, noch verwitwert waren, noch Kinder besaßen – aber auch nur, wenn sie nicht das 50. Lebensjahr überschritten hatten – denn diese Menschen hatte das Geschenk mit am schwersten getroffen.

Nur für die CDU war es ein Geschenk des Himmels, und sie versicherte auch eilends, daß sie nichts damit zu tun hatte, sondern der Regierung höchstens beim Verschnüren geholfen habe. Der zuständige Finanzminister dachte öffentlich, ihn habe ein Pferd getreten. Woraufhin aus allen Landen ein schreckliches Wiehern an sein Ohr drang.