Paris, im Februar

Es war eine Sensation, als Hubert de Givenchy, knapp 25 Jahre alt, im Jahr 1952 seine erste Kollektion zeigte. Schauplatz war eine pseudogotische Villa am Parc Monceau in Paris. Der junge Riese, der 2,02 Meter groß ist, förderte eine Sommermode zutage, die gegen alle Gesetze der Haute Couture verstieß. Damals machte Christian Dior Schlagzeilen, Jacques Fath hatte seinen Höhepunkt erreicht, und A-, H- oder sonstige Linien waren der letzte Schrei. Die Mode war outriert, gedrechselt, und nur die teuersten Stoffe kamen auf die Zuschneidetische.

Da erschien völlig unerwartet jemand, der die gesamte Mode-Kohorte schockierte, denn er verarbeitete billige Stoffe – Baumwolle in all ihren Spielarten. Da liefen unter der Flagge der Haute Couture Röcke aus gechintztem Möbelstoff, bedrückte Frottierkittel und bestickte Organdy- oder Leinen-Abendkleider. Givenchy griff weniger aus Begeisterung zu diesen Stoffen, sondern gezwungenermaßen, weil sie billig waren. Außerdem wurde ihm heftig von dem ganzen Vorhaben abgeraten, nur Bettina, sein damaliges Starmannequin, riet zu. Sie war es auch, die fürs Titelblatt von Elle in der berühmten Shirtingbluse posierte, die so oft kopiert wurde wie einst nur noch die Chanelkostüme. Der Erfolg der Kollektion war überwältigend. Sie war das Signal einer Zukunftsmode. Die jungen Frauen der Gesellschaft bekamen die ersten Separates angeboten, alles war fröhlich, appetitlich und hell. Die Accessoires waren aus Bast, Stroh und farbigen Bändern. Das Ganze wirkte wie eine Vitaminspritze auf die Haute Couture, und die Amerikaner luden den jungen Couturier sofort ein, seine nächste Kollektion in New York zu zeigen.

Und wiederum gab es Verblüffung, denn was von den schönsten Pariser Mannequins vorgeführt wurde, war echte Haute Couture. Givenchy schickte bestickte und perlenbesetzte teure Abendkleider großer Klasse über den Laufsteg und peppte seine Tagesmodelle mit extravaganten Accessoires und winzigen Kopfbedeckungen auf, die wie Arabesken wirkten. Bald wurde Audrey Hepburn sein Idol und zugleich seine Dauerkundin. Er hat sie für viele Filme eingekleidet. Daneben arbeitete Givenchy als Designer für Textilindustrien der Schweiz und Italiens. Die von ihm entworfenen Dessins auf Seiden und Baumwollen machten schnell Furore. So erschienen die ersten naturgetreuen Fell- und Federndrucke in seinen Kollektionen. Bis 1959 blieb er im Gartenhaus, um dann den Sprung in die Avenue George V zu wagen. Er kaufte das Haus Nummer 3 schräg gegenüber von Balenciaga.

Hubert de Givenchy wurde in Beauvais geboren, wo sein Großvater, ein Schüler von Corot, Direktor einer Gobelin- und Tapeten-Manufaktur war. Hubert sollte Anwalt werden, belegte in Paris Vorlesungen und studierte nebenbei Kunstgeschichte, die ihn weit mehr interessierte. Kurze Zeit war er Sekretär eines Anwalts. Mit 17 Jahren, während des Krieges, wurde er Zeichner bei Jacques Fath. Dann kreuzte sich sein Weg mit Christian Dior, der ihn Zu Robert Piguet empfahl, wo er 18 Monate blieb, um dann zusammen mit Dior für Lucien Lelong zu arbeiten. Die Wege der beiden trennten sich, als Givenchy zu Madame Schiaparelli auf die Place Vendôme überwechselte. Elsa Schiaparelli, die Italienerin, war damals das Enfant terrible der Haute Couture. Ihre skurrilen Ideen, die sich von Saison zu Saison überboten, ihre kühnen Farben, ihr grelles Shocking-Pink, galten damals in keiner Weise als comme il faut. Sie war es, die die erste Boutique in Paris eröffnete. Ihr Schaufenster, das wöchentlich neu dekoriert wurde, war so sensationell, daß es von Touristen wie der Eiffelturm photographiert wurde. Hier blieb Givenchy vier Jahre lang, um dann im eigenen Haus erst mal selbst der Häute Couture ein Schnippchen zu schlagen.

Seit Givenchy in der Avenue George V residiert, hat er fünf Etagen für Lager, Studio und Ateliers zur Verfügung und richtete von nun an seine Mode präzise nach den Wünschen seiner Privatkundinnen, deren Zahl zwischen 200 und 300 schwankt. In diesem exklusiven Kreis spielen Preise keine Rolle. Am Tag nicht auffallend, am Abend sexy und doch ladylike, so wünscht man angezogen zu werden.

Als Jahrespensum hat Givenchy ein enormes Programm zu bewältigen. Es umfaßt zwei Kollektionen für die Haute Couture, zwei für das Prêt à porter, zwei für die Boutique-Couture, zwei für Givenchy-Gentlemen und einmal im Jahr eine Kollektion für Kreuzfahrten. Hinzu kommt das Programmieren für 55 Givenchy-Boutiquen, die sich auf Europa, die USA und Japan verteilen. Seit 1957 sind drei Parfüms entstanden, wovon „Givenchy III“ den Oskar-Mondial für seine Verpackung erhielt und das als Kreation für „die Frau mit eigenem Stil“ entwickelt wurde.