Es begann eine Zeit, wo es schwer wurde, Komponist zu sein, so daß die musikalische Ernte quantitativ gering ausfallen mußte. Boris Blacher, der am 30. Januar im Alter von 72 Jahren starb, gehörte zu solchen Musikschöpfern, denen schwere Lasten auferlegt wurden. Sein Werk blieb relativ schmal.

Er stand der Zeit voller Ironie gegenüber. Und da die Zeit ihn stark prägte, blieb er nicht ohne Selbstironie. Die Ironie war seine Verteidigung; sie gab ihm zugleich Winke auf seinem Weg. Sie hinderte ihn, pathetisch zu werden oder gar bierernst. Naivität aber ist des Ironikers Sache gleichfalls nicht. Blacher war in hohem Maße ein Intellektueller. Er suchte das Einfache; suchte es mit großem intellektuellem Kräfteaufgebot. Was er dabei erreichte, war eine sehr edle Spannung, die dem Werke innewohnt und sowohl etwas Aufregendes als auch etwas Irritierendes hat. Die Brücken, die er baute, brauchten keine dicken Pfeiler. Er konstruierte bei allerfeinster Berechnung so, daß die Verstrebungen aus möglichst wenig Stoff, aus möglichst geringem Material bestanden.

Das Einfache erreichte er dadurch, daß er das Überflüssige ausstrich oder wegließ. Dadurch hatte das Ganze seiner Kompositionen etwas Schwebendes, elektrisch Vibrierendes, manchmal auch etwas Artifizielles, das der Erfinder selber kritisch zu betrachten schien.

Blacher spöttelte einmal von „Zehnjahresverständnisstücken“. Man solle ruhig so ein Stück machen und es fleißig zehn Jahre oder zwanzig liegenlassen, je nachdem, dann käme es schließlich gerade rechtzeitig, um „sofort“ verstanden zu werden. Solche „Stücke“ hat Blacher viele gemacht, so daß sein Nachruhm gesichert ist.

Zuerst waren es wohl die „Paganini-Variationen“ für ein großes Orchester, die sich als ein glänzendes Stück von Geist, Witz, sprühendem Leben und vielen satztechnischen Neuheiten durchsetzten. Sie kamen denn auch als ein geradezu umwerfendes Vergnügen bei einem Publikum an, als Schmidt-Isserstedt es nicht lange vor seinem Tod in Paris mit einem dortigen Orchester aufführte. Theoretische Hinweise auf Blachers spätere „Erfindung“ der „Variablen Metren“ hatten die Aufmerksamkeit wachgerufen und Ohren gespitzt für rhythmische Hexenkünste.

Auch die Kompositionen, die Blacher für seine Frau, die Pianistin Gerty Herzog schrieb, setzten sich ohne allzu lange Unverständnisstrecken durch. Das gleiche gilt für seine Ballette nach klassischen Stoffen wie dem „Hamlet“, dem „Mohr von Venedig“ oder dem „Tristan“, um die sich die Tanzerfinderin Tatjana Gsovsky verdient gemacht hat. Aber nimmt man von Blachers Opern das „Preußische Märchen“, diese Geschichte um den „Hauptmann von Köpenick“, so hat man einen Achtungserfolg bei der Uraufführung vor mehr als zwanzig Jahren und einen Triumph bei einer neuen Inszenierung der „Deutschen Oper“ in Berlin vor einem Jahr zu verzeichnen. Dieser Fall ist symptomatisch.

Wenn von der Biographie Boris Blachers etwas zu seinem Schaffen herüberspiegelt, dann ist es sicherlich sein Kosmopolitismus. Er ist als Sohn deutsch-baltischer Eltern in China geboren worden (am 6. Januar 1903), geriet nach Rußland, schließlich nach Europa, wo Paris ihn anlockte und enttäuschte, so daß er nach Berlin weiterzog, um zunächst Mathematik und Architektur zu studieren. Er wählte damit zwei Disziplinen, die ihre Schatten, nein, ihre Lichter auf seine Art des Komponierens geworfen haben: Denkspiele, keine Gefühlsmalerei, Suche nach neuen Regeln, speziell rhythmischer Ordnung, dies, machte ihn, Schüler eines mittelmäßigen, stockkonservativen Komponisten, den des gleichwohl von ihm hochverehrten Professors Koch nämlich, in hervorragendem Maße geeignet, Lehrer zu sein.