Von Eduard Neumaier

Bonn, im Februar

Von einem Überrumpelungsmanöver war die Rede, als in der vergangenen Woche der Staatssekretär im Kanzleramt, Manfred Schüler, beauftragt wurde, die Arbeit des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), des Militärischen Abschirm-Dienstes (MAD) und des Bundesnachrichtendienstes (BND) zu koordinieren. Dahinter stand die Vermutung, daß der Beschluß überraschend, par ordre de mufti, über die zwei Minister Leber und Maihofer gekommen sei, bei denen der MAD und das BfV ressortieren. Richtig ist allerdings: Die Entscheidung bedurfte keiner Debatte mehr, weil beide Minister ihre Zustimmung schon zuvor gegeben hatten und die Koordinierung durch Schüler längst praktiziert wurde.

Man kann nicht gerade sagen, Verteidigungs- und Innenministerium hätten das Vorhaben, einen Koordinator einzusetzen, freudig begrüßt. Das griff Ressortkompetenzen an, Bonner Tabubereiche. Doch seit die Guillaume-Affäre an den Tag gebracht hat, wie trostlos es um die Zusammenarbeit der Dienste bestellt ist, mochte sich niemand mehr an die alten Gewohnheiten klammern. Daß die Koordinierung der Dienste nicht, wie Kanzler Schmidt einmal öffentlich zu überlegen gab, einem anderen Ressort zugeordnet wurde, liegt mit an Manfred Schüler, der in den wenigen Monaten seiner Amtszeit erkannt hatte, auf welchen Wissensvorsprung der Kanzler dann verzichten würde und welcher politische Mißbrauch möglich wäre, wenn der Informationsstrom am Kanzleramt vorbeiflösse.

Niemand unterstellt dem Staatssekretär ernsthaft, er habe nur seine Machtfülle erweitern wollen. Daß Manfred Schüler jedoch keinesfalls die Priorität des Kanzlers angetastet sehen wollte – dies zu vermuten, ist geboten. Staatssekretär im Kanzleramt bedeutet für Manfred Schüler, erster Zuarbeiter seines Kanzlers zu sein. Hätte das Wort nicht schon einen bestimmten Beigeschmack – wie von wenigen nur ließe sich von Manfred Schüler sagen, er sei ein Diener des Staates, der sich für ihn im Kanzler personifiziert. Frei von jeglicher Devotion, versteht sich Schüler nicht als Ratgeber, sondern als administrativer Vollstrecker. Unter dieser Bedingung folgte er vom Finanzministerium ins Kanzleramt.

Mit Manfred Schüler hat das Kanzleramt wieder einen Chef, der ein politischer Beamter, nicht aber ein beamteter Politiker ist und dennoch Gespür für die Politik hat. In der Geschichte des Kanzleramtes ist dieser Typus viel seltener zu finden, als die große Zahl der „Chefs des Kanzleramtes“ vermuten ließe. Hans Globke, in dieser Funktion immer noch vorbildlich, hatte seit seinem Abschied im Jahre 1963 andersgeartete Nachfolger: Wenn sie Minister waren wie Ludger Westrick bei Ludwig Erhard oder Horst Ehmke bei Willy Brandt, so standen sie mehr im Scheinwerferlicht, als es dem Amt gut tat, und sie gerieten in den Verdacht, hungrig nach Macht zu sein. Sofern sie Staatssekretäre waren, wie Werner Knieper oder Horst Grabert, waren sie dem Vielseitigkeit, Wendigkeit und politischen Spürsinn wie persönliche Askese erfordernden Amt einfach nicht gewachsen.

Seit Westrick – mit der nur zweijährigen Ausnahme von Carstens – ist das Kanzleramt oft auf eine Weise in die Schlagzeilen geraten, die ihm abträglich war. Das lag teilweise an administrativem Getöse, teilweise an der Auflösung seiner Organisation. Unter Willy Brandt zog das Haus zuviel Aufmerksamkeit auf sich. Zu pittoreske Gestalten rührten sich dort nach- oder nebeneinander: Horst Ehmke, Egon Bahr und Conrad Ahlers, Günter Gaus und Klaus Harpprecht, dazu noch Karl Ravens, Grabert und Rüdiger von Wechmar.