Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im Februar

Für Paris sind Gipfeltreffen inzwischen zur Routine geworden. Wenn die neun europäischen Regierungschefs sich an der Seine treffen, dann wird das schlicht als Arbeitsessen deklariert. Und wenn der Bundeskanzler mit seinem „Freund Valéry“ im Elysée diskutiert, dann ist das nichts als ein Gespräch unter alten Bekannten. In der Tat sind deutsch-französische Gipfel zu einer wenig aufregenden Gewohnheit geworden. Außergewöhnlich war allenfalls, daß die Bonner zur 24. Konsultation innerhalb von zwölf Jahren mit nicht weniger als achtzehn Mann anrückten, und als Premiere wurde nur registriert, daß Kanzler und Staatspräsident ihre Zufriedenheit am Ende der Gespräche live in französische Stuben vermittelten: In den Mittagsnachrichten des Staatsfernsehens strahlten sie genauso wie der blaue Himmel über Paris.

Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing vermeldeten, im deutsch-französischen Verhältnis gäbe es keine Probleme. Das gilt sicher für alle bilateralen Fragen. Der letzte Stein des Anstoßes wurde soeben dadurch ausgeräumt, daß der Bundestag ein Gesetz über die Verfolgung von Nazi-Verbrechen verabschiedete, auf das an der Seine größter Wert gelegt wurde. Paris bemüht sich um das deutsche Wohlwollen, indem es mächtige Anstrengungen unternimmt, um seine Inflationsrate auf das Niveau der Bundesrepublik hinunterzudrücken. Doch bei den internationalen Problemen waren beide Seiten ehrlich genug, nur von einer Annäherung der Positionen zu sprechen.

Das gilt vor allem für die leidigen Fragen der europäischen Agrarpreise, derentwegen es vor ein paar Monaten zu einer ernsten Verstimmung zwischen Bonn und Paris gekommen war. Frankreich beharrt diesmal auf einer Anhebung der Preise um mindestens zehn Prozent und auf zusätzlichen nationalen Maßnahmen zugunsten der Landwirtschaft. Die Bundesregierung will über maximal sieben Prozent auf keinen Fall hinausgehen. So werden sich Landwirtschaftsminister Josef Ertl und sein französischer Kollege in Brüssel zwangsweise wieder in die Haare geraten.

In der Frage des Verbleibens Großbritanniens im Gemeinsamen Markt bemühte sich der Bundeskanzler, bei den Franzosen um Verständnis für die englischen Nachbarn zu werben. Paris befürchtet nach wie vor, daß der englische Premier Wilson sich sein Ja zur EG von den Partnern teuer bezahlen lassen will. Giscard würde lieber auf die Briten verzichten, als sich einer Erpressung zu beugen. Doch der Bundeskanzler ließ keinen Zweifel daran, daß für ihn die Gemeinschaft neun Mitglieder haben muß, auch wenn dafür Konzessionen notwendig sind.

Zu keinem Kompromiß ist Bonn allerdings gegenüber den Palästinensern bereit, denen Paris entgegenkommen möchte. Sie können nach deutscher Meinung nur dann in den euro-arabischen Dialog eingeschaltet werden, wenn sie die Existenz Israels anerkennen und auf Terrorakte aller Art verzichten. Bevor diese Bedingungen nicht erfüllt sind, daran ließ Helmut Schmidt keinen Zweifel, bleiben die französischen Avancen gegenüber Yassir Arafats PLO in deutschen Augen unangebracht. Auch für den Fall eines ölembargos haben Frankreich und die Bundesrepublik nach wie vor noch keine gemeinsame Strategie entwickelt.

Sicher waren die Kontakte zwischen Elysée und Bundeskanzleramt noch nie so intensiv und persönlich wie im Augenblick. Doch Freundschaft schützt vor Händeln nicht. Auch die deutsch-französischen Beziehungen werden vom Teufel im Detail bedroht. Und der Streit um Einzelheiten könnte schon nächste Woche bei den Agrarverhandlungen in Brüssel wieder ausbrechen.