Die Zahl der verhaltensgestörten Kinder in der Bundesrepublik steigt. Nach einer Untersuchung von Hans-Christian Thalmann bei 150 sieben- bis zehnjährigen Kindern waren 20 Prozent verhaltensgestört, 30 Prozent verhaltensauffällig. Schulschwänzen und Aggressionen nehmen zu. Nach Auffassung der Hamburger Schulbehörde sind bereits 15 bis 20 Prozent der Schulkinder „Problemkinder“. Kaum daß die Rauschmittel- und Drogenwelle kanalisiert ist, greifen Kinder- und Jugendalkoholismus um sich.

Erst wenn die Kinder zu „Problemkindern“ geworden sind, suchen wir mit viel Mühe und Geld jene Schäden wieder zu beseitigen, die dadurch entstanden sind, daß sie in ihrer frühen Kindheit ohne ihre Mütter herangewachsen sind; Mehr als 2,6 Millionen Mütter mit mehr als 4,2 Millionen Kindern unter 15 Jahren sind berufstätig. Sogar 700 000 Mütter mit 800 000 Kindern unter drei Jahren sind – wie Professor Pechstein vom Kinderneurologischen Zentrum in Mainz sagte – „unter Mißachtung der entwicklungsbedingten Ansprüche ihrer Kinder auf individuelle elterliche Erziehung außerhäuslich erwerbstätig“.

Das amerikanische Forscherehepaar Glueck hat schon vor 25 Jahren bei einer Untersuchung von 500 kriminellen und nichtkriminellen Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen elf und siebzehn Jahren nachgewiesen, daß zwischen diesen beiden Gruppen kein Unterschied so bemerkenswert war wie der ihres familiären Schicksals. An Hand der von den Gluecks entwickelten Prognosetafel hat die New Yorker Jugendbehörde 1952 Prognosen für die Zukunft von 301 Jungen gestellt. Von 33 Jungen, denen eine kriminelle Zukunft prognostiziert war, wurden später 28 – das sind 85 Prozent – kriminell, von 243 Jungen, denen eine günstige Prognose gestellt war, kamen auch 236 – das sind 97 Prozent – nicht mit den Strafgesetzen in Konflikt. Von 25 Jungen, denen keine klare Prognose gestellt werden konnte, wurden später 9 kriminell, 16 blieben nichtkriminell. Bei 90 Prozent aller Kinder also kann bereits im Alter von fünf bis sechs Jahren auf Grund der Familiensituation erkannt werden, ob eine kriminelle Gefährdung vorliegt oder nicht.

Wenn wir in diesem Lande wirklich etwas gegen Kriminalität, Verhaltensstörungen und Süchte tun wollen, dann genügt es nicht mehr, die Symptome zu bekämpfen, dann müssen wir sehr viel früher ansetzen: In der frühen Kindheit, wenn die Grundlagen für das spätere Leben gelegt werden, spätestens in der frühen Schulzeit, wenn noch Korrekturen möglich sind.

Und da ist es das Fundamentalste, daß sich die Mütter voll und ganz ihren kleinen Kindern wieder zurückgeben, daß wir alle den Müttern diesen Entschluß erleichtern und ermöglichen. Auch wenn die Wirtschaft noch so sehr nach der Mitarbeit der Frau ruft, auch wenn die Frau zunehmend nach dem Beruf verlangt, die Mutter sollte – wenn nicht der Vater oder eine andere feste Bezugsperson zur Verfügung steht – zuerst für ihr Kind da sein. Nicht ihr Beruf, sondern ihr Kind hat den ersten Anspruch auf sie.

Nun sind zweifellos viele Mütter aus wirtschaftlichen Gründen auf eine Erwerbstätigkeit angewiesen. Das Einkommen vieler Väter ist unzulänglich. Der Familienlastenausgleich ist trotz der Kindergeldreform unzureichend und nicht dynamisiert. Der Lebensstandard einer Familie mit Kindern liegt heute weit unter dem eines kinderlosen Ehepaares, wo beide Ehepartner arbeiten. Aus diesem Grunde ist der Gesetzesentwurf der CDU/CSU-Bundestagsfraktion auf Einführung eines Erziehungsgeldes von entscheidender Bedeutung. Jede Mutter (oder jeder Vater), die im ersten Lebensjahr ihres Kindes um der Pflege und Erziehung dieses Kindes willen die Berufstätigkeit unterbricht, soll pro Kind und Monat ein sozial gestaffeltes Erziehungsgeld zwischen 300 und 700 Mark erhalten.

Ein Platz in einem Kinderheim kostet die öffentliche Hand heute zwischen 1500 und 3000 Mark monatlich, in einer Kinderkrippe 390, bei einer Tagesmutter 450 Mark. Wenn dieses Geld ganz oder teilweise den Müttern zugewendet werden würde, die wegen ihrer außerhäuslichen Erwerbstätigkeit ihr Kind weggeben müssen, könnten diese Mütter auf ihre Erwerbstätigkeit mehr oder minder verzichten.