Einmal im Jahr – das hat sich nun schon so eingebürgert – ist Sport „in“. Das macht der Herr Neckermann möglich, weil er dann Leute aus der Politik, aus der Wirtschaft, der Industrie, aus der kleinen und großen Kunst und auch einige Sportler zum „Ball des Sports“ einlädt. Dieses Mammut-Tanzvergnügen zugunsten der Stiftung Deutsche Sporthilfe in der Frankfurt-Hoechster Jahrhunderthalle gibt den Sportführern dieses Landes für fünf bis sechs Stunden das Gefühl, in ihrem Streben nach gesellschaftlicher Gleichstellung Erfolg zu haben – standfestere Ballroutiniers können dieses Gefühl gar bis in die früheren Morgenstunden ausdehnen. Wenn nichts Außerplanmäßiges wie Olympische Spiele oder Fußballweltmeisterschaften hereinbricht, ist Sport auch in der großen Gesellschaft wieder für ein Jahr „out“. Aber die Stiftung Deutsche Sporthilfe hat dann eine gute halbe Million Mark eingenommen, was ja sehr schön ist.

Natürlich weht der Stiftung in diesen nicht nur rosaroten Zeiten ebenfalls der Wind ins Angesicht. Schuld daran trägt selbstverständlich nicht diese Institution, sondern – so wurde offiziös verlautbart – das Fehlverhalten innerhalb des Sports selbst mit den Begleiterscheinungen um die Auseinandersetzungen mit der Werbung.

Bundespräsident Walter Scheel als höchster Gast dieses Mal in Hoechst erhielt denn auch von den Tischen der „Großkopfeten“ (diese bayerische Bezeichnung trifft’s am besten) nicht gerade rasenden Beifall, als er Sinn für Realitäten bewies: „Sport in unserer Zeit ohne Werbung ist gänzlich ausgeschlossen“ und: „Man sollte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.“

Und die ganz reine Freude dürfte man bei der Sporthilfe, die sich innerhalb von sieben oder acht Jahren ein Unterstützungsmonopol geschaffen hat, auch nicht empfunden haben, als das fröhlichste unter den Staatsoberhäuptern dieses Jahrhunderts bei uns meinte: „Die Deutsche Sporthilfe wurde gegründet im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Olympiade. Sie war so etwas wie eine Bürgerinititative. Bürgerinitiativen sind aber nicht etwa Dauereinrichtungen und können es auch nicht sein.“ Wenn er damit gemeint hat, daß man sich eine neue Konzeption ausdenken müsse, wenn man Berechtigung und Einträglichkeit der Stiftung erhalten wolle, so verriet das starke Sachkenntnis – wobei man natürlich denken kann, daß Parteibruder Willy Weyer als Präsident des 13-Millionen-Volkes des Deutschen Sportbundes nützliche Stichworte gab.

Ob dieser Hinweis angekommen ist, wird man dann spätestens in einem Jahr sehen – beim „Ball des Sports ’76“. Scheel glättete nachdenkliche Falten in recht flüssigem Englisch: „Ladies and Gentlemen, I don’t want you to pray for us, but I want you to pay for us.“ Diese offene Aufforderung brachte ihm befriedigten Applaus. Obgleich ein bißchen Beten für Sport und Sporthilfe auch nicht schlecht wäre. Ulrich Kaiser