ZEIT: Die Steuerreform, von Helmut Schmidt in seiner Regierungserklärung als wichtigstes innenpolitisches Vorhaben der Koalition gepriesen, ist noch keine sechs Wochen in Kraft. Und schon fragen viele Steuerzahler enttäuscht, verärgert, empört: Wann kommt die nächste Reform?

Apel: Es bleibt jedem unbenommen, konkrete Verbesserungsvorschläge zu machen. Zur Zeit höre ich davon nichts. Deshalb bleibt es bei meiner Aussage, daß in dieser Legislaturperiode an den Steuergesetzen – jedenfalls bei dem Teil, den wir jetzt abgeschlossen haben – nichts geändert wird. Natürlich stecken in dieser Reform auch Probleme. Das kann nicht ausbleiben, wenn zwischen den Steuerkonzepten der sozial-liberalen Koalition und der Opposition Kompromisse gemacht werden und auch die Länder noch hineinreden. Im übrigen wollten wir ja nicht nur Geschenke ausstreuen, sondern das Steuersystem reformieren. Daß es dabei nicht nur zu Entlastungen, sondern auch zu Belastungen für einzelne Steuerzahler kommt, ist selbstverständlich. Das einzige, worüber ich mit mir reden lasse, ist ein Bonus für die im Laufe des Jahres zuviel gezahlten Beträge.

ZEIT: Wird Sie nicht die Enttäuschung oder sogar Empörung in breiten Kreisen der Bevölkerung doch dazu zwingen, über die Verzinsung hinaus, einige „Nachbesserungen“ an der Reform vorzunehmen?

Apel: Lautstark zu Wort melden sich doch jetzt vor allem diejenigen, die das Gefühl haben, sie müßten mehr Steuern zahlen als bisher. Es gibt aber eine große schweigende – und täglich wachsende – Mehrheit, die die Vorteile der Reform erkennt. Im übrigen kostet diese Reform die öffentlichen Hände 13 bis 14 Milliarden Mark – und das ist eigentlich schon zuviel angesichts der Finanzlage von Bund, Ländern und Gemeinden. Etwas zusätzlich tun, hieße erneut Steuern senken. Das wäre nicht zu verantworten.

ZEIT: Aber ist der Schuß nicht voll nach hinten losgegangen? Sie büßen als Finanzminister viele Milliarden ein und haben sich dafür vor allem Ärger eingekauft. Selbst wenn wir von allen steuertechnischen Problemen und Ungereimtheiten absehen, so läßt sich doch nicht leugnen, daß die Reform zumindest psychologisch falsch angelegt worden ist. Seit Monaten sind von der Bundesregierung große Erwartungen geweckt worden. Jetzt folgt die große Enttäuschung bei den Steuerzahlern, die den neuen mit dem alten Lohnstreifen vergleichen.

Apel: Wir haben hier eine dreifache Kombination von Problemen. Erstens: Die Auszahlung des Kindergeldes über die Arbeitsämter macht es schwierig, den Zusammenhang mit der Steuerreform darzustellen. Zweiter Problemkreis: Die Steuerreform fällt mit der Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge zusammen. Das ist nicht die Schuld der Steuerreformer. Ohne die Reform hätten diese Erhöhungen aber die Arbeitnehmer voll getroffen. Problem Nummer drei ist die Erklärung der eigentlichen Steuerreform. Da gibt es ein. Versäumnis – das muß ich ganz offen eingestehen: Wir haben auf die Problematik der sogenannten Doppelverdiener nicht rechtzeitig hingewiesen und diese große Gruppe nicht entsprechend darauf vorbereitet, daß sie neben der Lohnsteuer in der Regel auch Einkommensteuer zu zahlen hatten. Das muß bei den Belastungsvergleichen berücksichtigt werden.

ZEIT: Aber wie kann so etwas in einem modernen Staat mit einer hochentwickelten Verwaltung geschehen? Müßte es bei einer so einschneidenden Reform nicht selbstverständlich sein, daß man vor ihrer Verabschiedung einige zehntausend Fälle probeweise über den Computer laufen läßt, um die Wirkungen in der Praxis zu erproben und Fallstricke rechtzeitig zu erkennen?