Von Sibylle Krause-Burger

Früher“, sagt die Sechzehnjährige, „früher wollte ich immer Kindergärtnerin werden. Aber jetzt sind meine Noten derart mies, daß ich in diesen Beruf nicht mehr einsteigen kann.“ Und so sitzt sie – obwohl auf den ersten Blick nach Aussehen und Auftreten zu urteilen recht keß, schick und selbstbewußt – doch voll Unsicherheit und Beklommenheit vor der Berufsberaterin; eines von fast 400 000 Mädchen, die der jüngsten Statistik der Bundesanstalt für Arbeit zufolge im Verlaufe eines Jahres in die Beratungsstellen kommen.

Unter den insgesamt rund 800 000 Jugendlichen, die im Berichtsjahr 1972/73 bei den Arbeitsämtern um Orientierungshilfen baten, stellten die Haupt- und Realschulabsolventen den weitaus größten Anteil. Aber auch Abiturienten wissen oft nicht auf Anhieb, für welche Ausbildung sie sich entscheiden sollen; sie machen ein starkes Zehntel der Ratsuchenden aus.

Doch wo auch immer sie herkommen – in der Beratungsstelle werden die jungen Leute erst einmal mit einem Bündel gezielter Fragen konfrontiert: Noten in Deutsch, Mathematik, Englisch, Biologie, dieses Halbjahr, letztes Halbjahr, schon mal sitzengeblieben, wenn ja, welcher Fächer wegen? Und weiter wird der junge Mensch abgeklopft: auf besondere Interessen, Teilnahme an Arbeitsgemeinschaften, Schulämter, Freizeitbeschäftigung und Gesundheitszustand: „Sind Ihre Beine in Ordnung? Gibt es eine Neigung zu Krampfadern in Ihrer Familie?“ (Dann kann kein Beruf angestrebt werden, in dem man viel stehen muß). „Können Sie singen? Sind sie musikalisch?“ (Wenn nicht, ist der Wunschtraum, Kindergärtnerin zu werden, schon ausgeträumt, weil die Kindergärtnerin nun einmal viel singen muß). „Hat es Schwierigkeiten in Ihrer Familie gegeben in den letzten Jahren oder Monaten?“ (Das Tief im Zeugnisdurchschnitt könnte infolgedessen nur eine vorübergehende Erscheinung sein). „Was lernen Ihre Geschwister?“ (Die Antwort läßt Schlüsse auf das allgemeine Bildungsniveau der Familie zu).

Die Sechzehn- bis Siebzehnjährigen, die einen Vormittag lang durch die Mühle des Beratungsrituals gedreht werden, zeigen sich oft auffallend ungefestigt. Bei dem Bemühen, selbst ein Bild ihrer Person zu zeichnen, wird zunächst viel Ungereimtes zusammengewürfelt: „Also eigentlich“, erzählt ein junges Mädchen, „wollte ich ja Abitur machen. Dann kam der Wunsch, Säuglingsschwester zu werden. Ich kann eben gut mit kleinen Kindern umgehen. Außerdem habe ich keine Lust, in einem langweiligen Büro herumzusitzen. Ich will mit Menschen zu tun haben. Besondere Fähigkeiten hab’ ich, glaub’ich, auch. In Deutsch, da hab’ ich fast immer ’ne Zwei gehabt. Ich schreibe auch, Geschichten und Gedichte, und bin auch viel mit solchen Leuten zusammen, Studenten und so...“

Und dann hält sie es für denkbar, den Beruf der Drogistin zu erlernen, oder den der Arzthelferin, vielleicht aber auch eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann zu beginnen oder doch noch weiter auf die Schule zu gehen, um den Notendurchschnitt zu verbessern. Kurzum, fast alles, was sie mit ihrer Vorbildung anfangen kann, ist möglich. Was aber ist richtig?

Die Berater haben es nicht leicht, sich in diesem so locker geknüpften Netz an objektiven Informationen zurechtzufinden. Immerhin gibt ihnen der nach mühseliger Fragearbeit ausgefüllte „Erhebungsbogen“ einen ersten Anhaltspunkt. Dazu kommen die langjährige Erfahrung und der subjektive Eindruck. Doch nicht immer ist nach ein oder zwei Gesprächen schon klar, in welche Richtung sie den Jugendlichen weisen sollen. Wenn die Ratgeber ganz ratlos sind, werden die Psychologen mit ihren Tests eingeschaltet. Dann müssen sie herausfinden, „wo die Schwerpunkte liegen“ und ob hinter der Vielzahl der unausgegorenen Impulse und Wünsche ein verborgenes Talent steckt.