Nehmen wir an: die Duchesse de Montmorency war zu Gast in den Elysée-Palast geladen, so ertönte bei ihrem Eintritt eine im Aussprechen erlauchter Namen geübte Stimme: „La Duchesse de Montmorency!“ So etwas soll nach einem Beschluß des französischen Staatspräsidenten nicht mehr vorkommen. Valerie Giscard d’Estaing hat für seine Umgebung die Adelstitel abgeschafft und dies sogar öffentlich bekanntgegeben, so daß das Volk auch auf dem Gebiete der Kleinigkeiten etwas Gesprächsstoff hat. Man kann ja nicht immer nur über Inflation und Arbeitsmangel reden.

Was die obengenannte Duchesse betrifft: Wir haben das Beispiel schlecht gewählt. Denn sie hat bereits erklärt, daß sie sich noch lange nicht von Monsieur Giscard zu einer einfachen Madame Montmorency herabwürdigen lasse. Der Präsident habe die Pflicht, so sagte sie, „das Prestige Frankreichs auch hinsichtlich der Noblesse zu bewahren“. Und: „Wenn der Präsident mich ins Elysée lädt, dann bestehe ich auf meinem Rang.“ Mit anderen Worten: Die Herzogin tut das gleiche, was die französischen Kommunisten tun. Selbst auf Einladung geht sie nicht ins Elysée. Wie mag der so abgeblitzte Präsident auf die Idee gekommen sein, hier ein Stückchen Revolution nachzuholen? Eine Pariser Zeitung erwähnte, daß zwei seiner Schwestern mit Grafen, eine dritte mit einem Baron verheiratet sind. Will er also die Verwandtschaft ärgern?

Tiefer dringen wohl jene Geister in das Geheimnis ein, die den Staatsminister und Freund Giscards verdächtigen, die Änderung der feinen Sitten angeregt zu haben: Michel Poniatowski nämlich ist Nachkomme polnischer Könige und einiger sehr großer französischer Granden, die Genies in Krieg und Frieden waren. Er dürfte sich Fürst oder Prinz nennen, wenn er wollte. Jedoch er hört nicht auf aristokratische Anreden, sondern schmunzelt, wenn die Leute ihn „Ponia“ rufen. Ist Giscard mit solchem Ratgeber, auch mit aristokratischer Jugendfreundschaft geradezu von Adel umstellt, so hat er womöglich Ponias Wink befolgt: „Um sich schlagen!“

Tatsächlich zeigen die Inhaber großer Namen sich mehr oder minder getroffen. Der Vicomte de la Panouse brummte schlechtgelaunt: „Daß ich nicht lache!“ Mit der Andeutung, daß Giscards Vater Schloß und Name „d’Estaing“ gekauft habe, gekauft, nicht geerbt, sagt er: „Sein Titel ist falsch. Übrigens sollte das Staatsoberhaupt konsequent sein und seine Eingeladenen mit dem Vornamen anreden, wie es am mittelalterlichen Hofe üblich war. Vor allem; aber sollte er auf das ,d’Estaing‘ verzichtet.“

Unter den Äußerungen der Aristokratie richtet der Zeitungsleser sein Interesse darauf, daß Herzog und Herzogin von Castries bei. den Kaufleuten nie auf ihrem Titel bestünden, bei Visitenkarten sei es etwas anderes: „Denn diese benutzen wir ja in unserer eigenen Welt.“ Ein anderer Leser stutzt, da er sieht, wie es der Herzog von Broglie hält: „Mir ist es ganz egal. Ich setze nicht meinen Titel auf eine Visitenkarte.“

„Pure Demagogie“, sagte die Prinzessin von Polignac, „Demagogie auf Kosten der Höflichkeit“, der Herzog von Harcourt. Graf Philip de Flers meinte: „Eine kindische Entscheidung. Aber mir soll’s recht sein. Bestünde ich als Gast Giscards auf meinem Titel, dann wäre ich ja selber genauso kindisch.“ Auch Graf La Rochefoucauld trägt nach wie vor den Kopf hoch, er steht über den Dingen und sagt: „Im Elysée ist es heute sowieso dermaßen gemischt, daß der neue Brauch mich nicht genieren kann. Was kann uns denn hindern, die Enkel unserer Vorfahren zu sein.“

Rätselhaft bleibt zweierlei: Warum wird für den Grafen von Paris, den Enkel der Bourbonen, und den Prinzen Napoleon, den Nachkommen des „Königs Lustig“, eine Ausnahme gemacht? Weil deren Vorfahren so hübsche Feste feiern konnten, wie sie das Elysée noch nicht erlebt? Und warum kann die Lektüre von Proust den hochgebildeten Giscard nicht hindern, die schönen Titel der „Verlorenen Zeit“ auch im Elysée zu konservieren? Sorgen haben die Leute!