Ein Fall für die literarische Unfallstatistik; man könnte das Wort wohl sogar mit m schreiben. Fritz Rudolf Fries war mit seinem 1966 erschienenen Roman „Der Weg nach Oobliadooh“ auf doppelte Weise aufgefallen. Doppelt: das heißt in der DDR unangenehm und in der Bundesrepublik Deutschland, wo allein das Buch erscheinen konnte, über die Maßen positiv. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß es sich um den wichtigsten Roman jener Jahre gehandelt hat, der aus der DDR kam. Eine hochartifizielle Etüde über Entfremdung, ein meisterhaftes Stück Prosa von stilistischer Equilibristik. Danach – nichts Nennenswertes; zwei Bändchen: „Der Fernsehkrieg und andere Erzählungen“ und „Seestücke“. Was mit diesem Roman vorliegt, ist ein Debakel. Die Vermutung von Günther Blöcker, daß die Sprache des ersten Romans gar nicht Fries’ eigentliche Sprache gewesen sei, scheint sich zu bestätigen. Der Autor hat sich bis zur Sprachlosigkeit angepaßt in –

Fritz Rudolf Fries: „Das Luft-Schiff – Biographische Nachlässe zu den Phantasien meines Großvaters“, Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1974; 400 S., 32,– DM.

Erzählt werden soll die Biographie eines Großvaters, eines bis zur Hochstapelei skurrilen Erfinders. Gemeint ist aber mehr als nur die Biographie einer Person, einer Familie. Angestrebt hat der Autor offenbar die Biographie einer Zeit, Porträt von Gestern und Heute.

Das aber ist gar nicht gelungen. Mitteilsamkeit verdrängt die Mitteilung. Das Buch zerfasert in zahllose Einzelteile; Flickenteppich statt Mosaik. Historische wie erzählerische Details werden addiert, aber nicht zum Ganzen zusammengeführt. Fries hat das offenbar selber gespürt und sich auf die inzwischen obligate Position des Beobachters und Beurteilers der eigenen Schreibmöglichkeit zurückgezogen: „Jetzt wird einer fragen, wer erzählt hier. Eine beliebige Frage im heutigen Roman, ich weiß. Aber das, was hier erzählt werden soll, sage ich und weiche zunächst einmal aus, Roman oder nicht, das wird eine Biographie ... Nebenher stelle ich die Frage, ob die Biographie eines Unbekannten Literatur-Literatur ist oder mehr ein Sachbuch? Ich hab was gegen Sachbücher, mit denen uns eine auf den Hund gekommene Bourgeoisie weismachen möchte, sie hätte noch alle Schrauben beisammen wie zur Zeit von James Watt, der mit Hilfe einer Teekanne die Dampfmaschine erfand. Romane, die mit Schere und Tesafilm geschrieben werden, und der Autor macht sich klein im Glossar, groß aber auf dem Titelblatt. Ich werde mich nicht scheuen, ab und zu eine Geschichte zum nachgelassenen Leben meines Großvaters zu erfinden.“

Der Beginn des Romans wimmelt von solchen Absichtserklärungen und Statements, abgegeben bereits in einer seltsamen Art von Verteidigungshaltung. Schon solche Aperçus („Ein Romancier, der nicht über die Mittel des Biographen verfügt, ist ein Dilettant“) sind fragwürdig.

Ganz und gar fragwürdig aber ist, was Fries aus Thema und Stoff macht. Die erschreckende Leblosigkeit einer lediglich registrierenden Sprache versandet in der Beschreibung. Weder Dinge noch Menschen – also auch nicht: Zeitläufte – leben. Sie bleiben starr, puppenhaft. Wenn es etwa von einer der Figurinen heißt: „Sie sammelt gern Muscheln, sie liebt alle Dinge, die sich nicht bewegen, schön sind und Wärme aufnehmen von ihrer Hand“, dann ist dies ein Exempel für die Schreibhaltung, die nur Attribute anhängt, gleichsam Souffitten zieht. Welche Dinge, warum sie schön sind, wodurch – nichts davon. Die leere Sprachgebärde ist ein Musterbeispiel dafür, wie eine Anhäufung von Wörtern nicht zur Prosa wird. Die Wörter bedingen einander nicht, sie entstehen nicht aus einander, sie haben nicht jenen winzigen Licht- und Bedeutungshof, der sie zu einem Sprachstrom zusammenfügte, der Raum für Energiefelder gäbe. Ergebnis: Die Schicksale der vorgeführten Menschen lassen gleichgültig, die als so skurril ausgerufenen Erfindungen und großväterlichen Verhaltensweisen verkommen zum Banal-Läppischen. Man will es nach einer Weile gar nicht mehr wissen. Das ist eine literarische Langeweile, nicht etwa eine der Fabel – „schließlich sind wir hier nicht im Unterhaltungsroman“ – die Autorenreflektion und vorweggenommene Abwehr nützen da nichts.

Die Sorglosigkeit des Autors geht so weit, daß der Text von schiefen Bildern, falschem Deutsch wimmelt: „Seine Gattin folgt rundlich“ – der Satz hätte ein Lektorat nicht passieren dürfen, sowenig wie: „Mein Großvater streift sich die Füße ab.“ Die Charakterisierung eines Beamten lediglich dadurch, daß „sein Mittelscheitel sichtbar wird wie eine Rollbahn im Urwald“ ist zumindest hilflos – und „die vom Tennis gestählten Frauenhände, die sich kühl und trocken anfassen wie Griffe am Automobil“ haben nicht einmal mehr das Niveau von Unterhaltungsliteratur. Man möchte nicht glauben, daß der sorgsam differenzierende Schöpfer des „Weges nach Oobliadooh“ in der Lage ist, solche Sätze zu formulieren: „Scharf rasierte Augenbrauen und die lässigen Bewegungen, die man erwirbt, wenn man seinen Pelz mehr als einmal am Tag von den Schultern gleiten läßt.“

Das Buch scheitert aber nicht allein daran, es scheitert auch an seiner Konstruktion, genauer gesagt, am Nichtdurchhalten der offenbar beabsichtigten Konstruktion. Knapp zurückliegende Zeitgeschichte sollte eingefügt werden ins heutige Geschichtsbewußtsein. Mär und Legende der Welt aus Kaisers Zeiten sollen der Wirklichkeit konfrontiert werden, wie sie von einer rationalen, kritischen, ja skeptischen Generation begriffen wird. Es ist also, bewußt oder unbewußt, die Grundstruktur von Günter Grass’ „Tagebuch einer Schnecke“. Lächelnd abwehrenden oder skeptisch inquisitorischen Enkeln soll Vergangenes, damit natürlich Gegenwärtiges deutlich gemacht werden. Da nun aber das Vergangene von Fries lediglich in einem Blinzelmechanismus transportiert wird („Der Kaiser überwindet die Krise mit Hilfe einer blauen Brille“) wird letztlich nichts transportiert, weil nichts gegenständlich wird. Die Flucht des letzten deutschen Kaisers 1918 nach Doorn kann man schlecht so durchs Sieb rühren und zum Aphorismus degenerieren lassen. Die fiktiven Enkel, bis ins sprachliche Detail den Grass’schen Söhnen angepaßt, („wat war’n det für’n Satz, fragen die Enkel an dieser. Stelle“). werden-wie die nicht so fiktiven Leser eine Slalomstrecke entlang gejagt, die der Autor mit koketten Bedeutungswimpelchen abgesteckt hat: Maldoror oder Oblomow, Larissa Reisner oder Lilja Brik, das Mädchen Rosemarie, Malewitsch oder El Lissitzky – derlei Bedeutungskassiber werden wie Streusand über die feuchte Tinte geschüttet, ohne Aufschlüsselung, und damit eben ganz und gar ohne Bedeutung. Das zeigt allenfalls, daß jemand Gebildet-Belesener am Werke ist, nicht ein Autor. Die Einbahnstraßen-Dickköpfigkeit der Enkelgeneration, die Phantasie, Märchen und Unwahrscheinliches partout abgesichert sehen will durch das erlernt Gesicherte, die der schwarzen Magie hurtig Revisionismus entgegenhält oder dem Datum 1891 den Erfurter Parteitag. Das hätte durchaus ein dialektisches Spiel aus Erkennen und Verkennen werden können; es zerrinnt hier aber zur Kabarettnummer.