Von Dietrich Strothmann

Abgegriffen sind längst die vielen Formeln, mit denen Beteiligte und Beobachter die anhaltend prekäre Lage im Nahen Osten beschreiben: die tickende Zeitbombe, das Pulverfaß – und was den einfallsreichen Bildermachern sonst noch einfällt zur Definition eines kritischen Dauerzustandes. Eine neue Metapher fand Ägyptens Staatschef Sadat, als er kürzlich in Paris war: Auf dem schmalen, halsbrecherischen Pfad zwischen Krieg und Frieden sei ein „Kreuzweg“ erreicht worden.

Nun fragt sich wiederum, gerade nach Gromykos unprogrammgemäßen Auftritt und vor Kissingers angekündigter Rundreise, in welche Richtung der Marsch wohl gehen wird: Zu einer neuen Entspannungsphase oder auf den nächsten Kriegsschauplatz?

Die politischen und diplomatischen Fronten bieten zur-Zeit ein höchst verwirrendes Bild: Gromyko versuchte, Sadat wieder fester an die Moskauer Leine zu legen; doch der gibt vorerst noch den westlichen Vermittlungsangeboten und Hilfszusagen den Vorzug.

Ob er das noch lange durchhalten kann? Zumal dann, wenn sich zeigen sollte, daß auch westliche Verhandlungskunst ihre engen Grenzen hat? Sadat braucht den Erfolg, um politisch überleben zu können. Die Gegner seines eigenwilligen Versöhnungskurses, der sogar zu einem Friedenspakt mit Israel führen soll, warten schon auf sein Scheitern; sie sind in Damaskus, bei der Palästinensischen Befreiungsfront und auch in seinem eigenen Land zu finden.

Von Kissinger verlangen die Israelis als Gegenleistung für eine zweite Räumungsetappe auf dem Sinai und dem Golan, daß er den Kongreß zu einer enorm hohen Finanzhilfe überredet. Die Forderungen belaufen sich auf fast fünf Milliarden Mark für das kommende Haushaltsjahr; das ist das Dreifache der zuletzt gezahlten Summe.

Ob Kissinger sie nicht enttäuschen muß? Zumal die amerikanischen Abgeordneten dem ehedem selbstbewußten Außenminister nicht länger alles erlauben wollen und das neue Budget ohnehin ein Rekorddefizit von fast 120 Milliarden Mark aufweist?