Von Barbara Franck

Tausende haben sich zu unserer Begrüßung versammelt. Sie flitzen übers Watt, verschwinden blitzschnell in ihren Löchern, um gleich wieder hervorzukrabbeln: kleine schwarze Krebse mit einer überdimensionalen roten Schere an der Seite. In der Luft, die in der Mittagshitze flimmert, liegt das leise Knistern ihrer Panzer – es macht uns eigentlich erst auf das Gewimmel zu unseren Füßen aufmerksam.

Wir sind auf Manda gelandet, neben Pate die dritte Insel im Lamu-Archipel. Von oben ist das Eiland nur ein großer brauner Fleck mit grünem Rand: Mangroven-Dickicht, das die trockene Savanne säumt. Auf der Rollbahn, einer rötlichen Schotterpiste, stehen drei blaue Cessnas wie Spielzeugflugzeuge herum, dagegen ist unsere neunsitzige Maschine der reinste Jumbo. Unweit vom Flugplatz gelangen wir auf schmalem Pfad durch übermannshohe Mangroven zu einem kleinen Steg im Watt: Nach Lamu – unserem Ziel – kommt man nur per Boot.

Lamu – das ist Arabien mitten in Schwarzafrika, Mittelalter in der Neuzeit. Hier gilt das Motto pole pole – „immer mit der Ruhe!“ Das einzige Auto gehört dem District-Commissioner, Elektrizität kennt die Insel erst seit ein paar Jahren, und als – Tiefpunkt des Fortschritts – sogar Telephonkabel vom Festland herübergelegt wurden, soll ein Bewohner prophezeit haben: „Keine Angst, die Elefanten drüben werden die Masten schon wieder, umwerfen ...“

Lamu liegt dicht vor der kenianischen Küste und ist ganze 23 Quadratmeilen groß. Durch den mkanda, einen schmalen Kanal zwischen Manda und Lamu, tuckern wir gemächlich auf die gleichnamige Hauptstadt der Insel zu. Zum Wasser hin präsentiert das Städtchen seine Schokoladenseite: Die weißen Fassaden der zwei- und dreistöckigen Häuser blitzen in der hellen Sonne, ab und zu ein hellrotes Wellblechdach, darüber schweben die grünen Wipfel der Palmen. Erst aus der Nähe erkennt man, daß die ganze Pracht schon ziemlich angegammelt ist und viele der Häuser verfallen.

Niemand käme hier auf die Idee, eine Verschönerungsaktion für Touristen zu beginnen, Lamu buhlt nicht um Fremde. Aber gerade deshalb zieht es sie an. Da es auf der Insel nur zwei Hotels gibt (daneben noch ein paar einfache „Lodgings“), bieten sich dem Reisenden drei Möglichkeiten: Wer am Leben der Einheimischen teilnehmen will, sollte sich in „Petley’s Inn“ am Hafen von Lamu niederlassen; wer sich mehr zu seinesgleichen hingezogen fühlt, kann im „Peponi-Hotel“ wohnen, das im kleinen Fischerdorf Shela liegt, eine halbe Stunde Fußmarsch oder zehn Bootsminuten von Lamu entfernt. Mehr als zehn Kilometer menschenleerer Strand mit mächtigen Dünen dahinter garantieren hier Ruhe und Erholung. Die dritte (und beste) Möglichkeit ist, beides zu kombinieren: ein paar Tage „Lamu satt“ im Petley’s, und dann ab ins Paradies – nichts anderes bedeutet nämlich das Suaheli-Wort peponi.

„Lamu – famous for its Mangoes and Petley’s Inn“ verkündete schon auf dem Flughafen ein liebevoll gemaltes Holzschild. Kaum gegründet, war das Hotel allerdings in den vierziger Jahren eher berüchtigt, und an diesem Ruf war sein Inhaber Percey Petley nicht ganz unschuldig. Wer einen Leoparden mit bloßer Faust erlegt, so berichtet die Legende, fasse natürlich auch seine Gäste nicht gerade mit Samthandschuhen an. Inhaber Nummer zwei, Colonel Pink, pflegte die Hühner in der Badewanne zu schlachten und Gäste, die ihm nicht gefielen – vor allem weibliche –, eigenhändig aus dem Haus zu werfen.