„Mein Name ist Ralph Hicks“, Roman von Paul Bailey. Reizvoll an dem Roman des 1937 geborenen Engländers sind Irritationen, die sich daraus ergeben, daß die Erzählmethode des fiktiven Ich-Autors Ralph Hicks und des tatsächlichen Autors Paul Bailey nicht übereinstimmen. Ralph Hicks, etwa 30 Jahre alt, versucht sich aus einer schweren Krise (Selbstmord der Frau) zu befreien durch das Niederschreiben von Assoziationen, Erinnerungsbruchstücken, nicht chronologisch geordnet; er will sich Gewißheit verschaffen über sein bisheriges Leben. Baileys Roman, angeblich identisch mit den Erzählfragmenten von Ralph Hicks, ist gleichwohl keineswegs chaotisch: Die Texte tragen signalartige Überschriften (Früh, Sie, Friede, Damals, Davor, Schwarz), die den Bewußtseinsstrom eindämmen. Wiederholungen sind zusätzliche Orientierungspunkte. Der Leser fragt sich: wer erzählt hier eigentlich? Denn: erzählte Ralph Hicks tatsächlich so diszipliniert und formbewußt, wie er es von der ersten Seite an tut, dann hätte er die Krise bereits überwunden, wenn der Roman beginnt. Zweimal werden die Erinnerungsmonologe durch längere Einschübe unterbrochen: Hicks wechselt seine Identität. Er verwandelt sich nacheinander in einen homosexuellen Freund seiner toten Frau und in die eigene Mutter und berichtet (beide Male wiederum als fiktiver Ich-Erzähler) deren Leben. Beide (Selbst-) Porträts sind genau und zeugen von so viel Einfühlungsvermögen, auch für die Mutter, die ihn als Muttersöhnchen erzogen hat, daß Hicks auch hier bereits als Geheilter, nicht mehr als Heilungsuchender erscheint. Die Disziplin von Baileys Erzählen, Stärke des Romans, ist – jedenfalls für mich – auch Schwäche: Das allzu Auskalkulierte nimmt der Lebensgeschichte des Ralph Hicks die Schärfe. (Aus dem Englischen von Eva Bornemann; SL 169; Luchterhand Verlag, Darmstadt/Neuwied, 1974; 211 S., 12,80 DM.)

Wilhelm Roth

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„Zimmermannsgeschichten“, von Wassilij Below. Es ist gewiß ein legitimes Unterfangen der sowjetischen „Dorfprosa“, auch einmal die schönen Seiten des sozialistischen Alltags, zumal des Landlebens, aufzuschlagen. Den Autoren mögen dabei durchaus passable Genrebilder gelingen, Fröhliches, Verschmitztes, Heiteres, mitunter auch Betrübtes – Bilder einer operettenhaften Vergangenheit, die, wie das auch der Band Belows beweist, hie und da noch in die Gegenwart hereinragt. Nur: aus dieser unverfänglichen Gartenlaubenperspektive erscheinen zum Beispiel Vertreibung und Massentod der „Kulaken“ als harmloses Possenspiel, der Mangel an Arbeitskräften für die Landwirtschaft (als dessen Folge sich zwei aufeinander folgende Dürrejahre auf die ganze Volkswirtschaft verheerend auswirken können) als nicht weiter schlimmes Kuriosum, über das man witzeln kann. Im Zusammenhang der sowjetischen Wirklichkeit indes sind diese besinnlichen Szenen irrelevant, im Kontext unseres Industriezeitalters hoffnungslos provinziell. Der Rückzug der sowjetischen Literatur ins Private und Individuelle, vor einigen Jahren noch als eine Liberalisierungstendenz, als Rückkehr zu den eigentlichen Themen der Literatur begrüßt, erweist sich nun als Sackgasse und Alibi. Denn hier ist die Nabelschnur zwischen öffentlichem und Privatem gewaltsam zerrissen worden. Das Intime wurde nur hervorgekehrt, damit man das öffentliche vergessen und mit Schweigen übergehen konnte: Wir haben es hier mit einer neuen machtgeschützten Innerlichkeit zu tun. (Aus dem Russischen von Marianne Wiebe; SP 107, Piper-Verlag, München, 1974; 96 S., 8,– DM.) Mario Szenessy

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„Psychoanalytische Grundbegriffe“ – Eine Einführung in Sigmund Freuds Terminologie und Theoriebildung, herausgegeben von Humberto Nagera. Sigmund Freuds Schriften enthalten nicht nur eine Theorie, sondern auch die Geschichte ihrer Entfaltung. Sie präsentieren sich in der Überlagerung mehrerer historischer Schichten seines Denkens wie ein archäologischer Fundort, der die Spuren unterschiedlicher Kulturstufen birgt; früher Formuliertes wird immer wieder modifiziert, relativiert, in neue Zusammenhänge gerückt, mitunter auch verworfen. Das macht das Zitieren heikel, gibt zu Mißverständnissen Anlaß, wenn der historische Kontext vernachlässigt wird. Die vorliegende Entwicklungsgeschichte wichtiger Grundbegriffe Freuds, zusammengestellt in mehrjähriger Arbeit von einer Forschergruppe unter Leitung von Humberto Nagera, leistet unschätzbare Hilfe für den Fachmann wie für den interessierten Laien. Mit der größten Sorgfalt und einem Minimum an eigenem Kommentar sind alle Entwicklungsstadien grundlegender theoretischer Konzepte von der frühesten Notiz bis zu den spätesten Veröffentlichungen und den nachträglich korrigierenden Fußnoten herauspräpariert und im Gesamtzusammenhang des Freudschen Denkens geortet. Neben unerläßlicher Orientierung bietet der Band auch eine Grundlage für die kritische Überprüfung jenes „kohärenten Systems von Annahmen“, als das Hartmann, Kris und Loewenstein (im Vorwort zustimmend zitiert) die psychoanalytische Theorie verstehen. Am Kapitel „Masturbation“ etwa läßt sich ablesen, wie die Vorurteile seiner Zeit Freud zu schaffen machten und ihn daran hinderten, die in seinen eigenen Erkenntnissen vorgezeichnete Lösung zu Ende zu denken. (S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1974; 567 S., 56,– DM.) Hans Krieger

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