Eine vorbildliche Enquête – die allein wenig hilft

Von Rudolf Walter Leonhardt

Niemand wird einem Mann wie Willy Brandt subjektive Aufrichtigkeit absprechen wollen, wenn er im Bundestag mit leidenschaftlichen Anteilnahme dafür plädiert, die Künstler nicht zur einzigen Gruppe unserer Gesellschaft werden zu lassen, die das volle Lebensrisiko selber zu tragen hat.

Aber all die schönen Worte, die im Bundestag und vor Gewerkschaften gesprochen werden, vermögen nichts gegen die Fakten. Und die Fakten sind: Orchester werden aufgelöst – weitere Musiker werden arbeitslos; Theater-Budgets werden gekürzt – Inszenierungen müssen zusammengestrichen, weniger Schauspieler können beschäftigt werden; Rundfunk und Fernsehen sparen rigoros – und das meiste sparen sie auf Kosten der Künstler, die dort freie Mitarbeiter heißen; Zeitungen fusionieren – wieder ein Feuilleton weniger, das mittelbar oder unmittelbar auch Künstler mit Brot versorgt hat.

Als Künstler betroffen sind knapp 100 000, genau 95 165 „Kulturträger“: Orchestermusiker und Schriftsteller, Tänzer und Maler, Schauspieler und Artisten. Es ist nicht möglich, genaue Grenzen zu ziehen: zwischen dem Jodler und dem Sänger, zwischen dem Journalisten und dem Schriftsteller, zwischen dem Klimperer und dem Pianisten. Rationales Denken unterstellt, daß wir auf die „Kultur“, die 90 000 dieser 95 000 „tragen“, ohne Schaden verzichten könnten. Aber wollen oder können wir die 5000, die dann eben doch unentbehrlich sind für das Leben einer „Kulturnation“, im Kindesalter auswählen und heranzüchten? Kann es in der Hochleistungswelt der Kunst denn abgehen ohne Anfänger und Adabeis, ohne Mäßiges und Durchschnittliches, ohne enttäuschte Erwartungen und verkommene Talente, ohne Ausfälle durch Pech und Krankheit und Alter und Resignation?

Ist nicht – um Welt Begriff aus der gar nicht so fern liegenden Welt des Sport zu borgen – Provinzialismus mit all ihrem Dilettantismus und Provinzialismus mindestens ebenso wichtig wie „Hochleistungskultur“, da an der „Breitenkultur“ der Normalbürger partizipieren, während er die „Hochleistungskultur“ nur konsumieren kann?

Die Großen im Licht...