Von Hans-Eckart Rübesamen

Wer stil- und standesgemäß nach Badgastein reisen will, kommt mit dem Tauernexpreß. Ein musealer Bahnhof erwartet den Reisenden, mit gußeisernen Arkaden geschmückt; laut Gedenktafel wurde er „unter der glorreichen Regierung Seiner k. u. k. Apostolischen Majestät Kaiser Franz Joseph I.“ zu Beginn dieses Jahrhunderts errichtet. Auf dem Perron harren livrierte Hoteldiener der Kundschaft, Trümmer von Kabinenkoffern werden auf Ziehschlitten verladen, Diener hasten umeinander, eine Zofe sucht die Hutschachtel der Frau Baronin – wenig später fahren die Pferdeschlitten glöckchenklingelnd und im eleganten Bogen am Grandhotel, Kaiserhof, Elisabethpark vor ...

Den heute amtierenden Fremdenverkehrsdirektoren sind derlei Reminiszenzen unangenehm. Sie tun alles, um ihren Ort von der Patina der Tradition zu befreien, ihm zeitgemäßen Zuschnitt und modernes Design zu geben. Doch sie tun sich schwer. Das schönste Bild von Badgastein – es fehlt in keinem Prospekt – ist immer noch die einzigartige Ansicht der im Halbrund um die Schlucht gebauten, stufenweise den Hang hinaufkletternden Hotelpaläste und anderer Prachthäuser aus einer Zeit, in der Luxus sich noch mit selbstgefälligem Wohlbehagen darstellen durfte.

Mit dieser Hypothek muß Badgastein leben. Sie liefert auch die Erklärung dafür, daß die Gasteiner sich so angestrengt darum bemühen, den Eindruck der Überalterung des Ortes und seiner Gäste zu korrigieren. Das gelingt ihnen im Winter besser als im Sommer. Zwar kurt man in Badgastein auch zur Winterzeit (Hauptindikationen: Rheuma, Alters- und Abnutzungsleiden, Verletzungsfolgen nach Unfällen). Doch die Kombination Kur plus Wintersport spricht ein Publikum an, das bald um Dezennien jünger ist als die Sommergäste.

Es sind die Skifahrer, die entscheidend zum winterlichen Verjüngungsprozeß beitragen. Ihnen bietet das Gasteiner Tal (Badgastein liegt 1083 m hoch) keineswegs nur „Gesundheitspisten“ mit Stemmbogen-Schonkost. Die 1200 Höhenmeter vom Stubnerkogel kann man auch ziemlich direkt und sehr schnell abwedeln. Und die elf Kilometer lange Angertalabfahrt, die zu den schönsten in ganz Österreich zählt, verlangt mindestens eine solide Standfestigkeit, will man ihre Reize voll genießen. Daß der Graukogel auf der gegenüberliegenden Seite heute unter seinem Wert notiert wird, trotz seiner unvermindert attraktiven FIS-Pisten, auf denen 1958 denkwürdige Abfahrts-Weltmeisterschaften ausgetragen wurden, liegt an dem uralten Lift, er ist so unsäglich langsam, daß kaum einer sich ihm noch anvertrauen mag. Die längst projektierte Gondelbahn aber wird mangels Masse weiterhin Wunschtraum bleiben.

Mit seiner neuen Höhendependence sucht sich Badgastein aus der Beengtheit seiner Tallage zu befreien. Sportgastein (1600 m), acht Kilometer südlich im schönen Talschluß des Naßfeldes gelegen, hat allerdings schon etwas zu viel Vorschußlorbeeren eingeheimst. Bisher existieren nur die Zufahrtstraße (Maut), ein großer Parkplatz, eine Rundwanderloipe, zwei Restaurants und vor allem ein zweistufiger Lift auf den Kreuzkogel (2686 m), der eine Reihe hübscher und schneesicherer Abfahrtsvarianten erschließt – Könnern freilich auch die prachtvolle lange Nordabfahrt bis nach Böckstein hinunter. Alles andere ist Zukunftsmusik: die auf 1500 Betten angelegte Hotelsiedlung mit Sportanlagen ebenso wie die (in manchen Prospekten bereits eingezeichnete) Großkabinenbahn auf das Schareck, die ein ausgedehntes Gletscherskigebiet erschließen soll, und die Tunnelverbindung mit Kolm–Saigurn–Rauris.

Traditionsgemäß bietet der Badgasteiner Winter den Skiabstinenzlern und Pistenmüden eine große Vielfalt von Sport-, Erholungs- und Unterhaltungsmöglichkeiten. Dazu gehören fünf präparierte Loipen (die landschaftlich schönste im Gebiet des Hoteldorfes „Grüner Baum“), gepflegte Promenaden und Spazierwege, Rodel-, Eislauf- und Eisstockbahnen, Reiten im Schnee und in der neuen Halle, Pferdeschlittenfahrten, Konzert- und Theaterveranstaltungen. Wem diese Vergnügungen, zu preisgünstig erscheinen, der kann im Spielkasino – es ist kürzlich in das neue, städtebaulich und architektonisch sehr ansprechend gestaltete Kur- und Kongreßzentrum eingezogen – bei Roulett und Bakkarat leicht auch größere Summen lassen.