Von Benjamin Henrichs

Der Kummer hat schon eine lange Geschichte – 1963 bereits beugte sich „Theater heute“ über den „Fall O’Casey“ und klagte: „Das deutsche Theater geht ausgerechnet an O’Casey vorüber.“ Gert Omar Leutner, einer der wenigen Regisseure, die schon damals O’Casey wagten, fragte: „Warum wird er nicht gespielt?“ Und Ernst Wendt nannte den Iren den „neben Brecht bedeutendsten Dramatiker in diesem Jahrhundert“.

Die Diagnosen von damals beschreiben auch noch die Probleme von heute: die Schwierigkeiten des auf Eindeutigkeit drängenden deutschen Theaters (das nur die entschiedene Traurigkeit will oder den entschlossenen Jux) mit O’Caseys chaotischer Mischform aus Witz, Verzweiflung und Sentiment; die halsbrecherischen Übersetzungsrisiken mit O’Caseys Englisch – einem von gälischer Grammatik und biblischem Pathos absonderlich verformten Englisch; und vor allem eine tiefe Unsicherheit über das Land Irland, dessen Krankheiten noch immer akut sind, die noch nicht, wie etwa die Krankheiten der russischen, Tschechowschen Spätbourgeoisie historisch und damit leichter durchschaubar geworden sind.

Eines aber ist anders geworden seit 1963 – das deutsche Theater geht nun nicht mehr an Sean O’Casey vorüber. Doch obwohl, man ihn nun allüberall spielt, man kommt ihm doch kaum näher; fast alle theatralischen Bemühungen erschöpfen sich darin, aus bitteren Komödien gemütvolle Schwanke zu machen, O’Caseys irisches Volkstheater (ein Volkstheater ohne Lügen) in das Allerverlogenste zu verwandeln – in pseudo-irische Folklore.

Neben diesem, dem durchschnittsdeutschen O’Casey, gibt es eine Reihe anderer Näherungsversuche; gibt es das Bemühen, O’Casey als großen Realisten ernstzunehmen, ihn nicht als irischen Anzengruber zu mißhandeln. Peter Palitzsch hat in der vergangenen Saison „Schatten eines Revolutionärs“ inszeniert, Hans Lietzau nun in Berlin „Juno und der Pfau“: zwei Aufführungen, die sich demonstrativ wegbewegen vom deutschen O’Casey-Klischee – und die O’Casey dennoch nicht erreichen.

In Lietzaus „Juno“ gibt gleich das Bühnenbild (Gralf-Edzard Habben) lautstark bekannt, was man hier nicht wollte. Auf die große Schillertheater-Bühne ist ein kleiner, nach hinten ganz schmal werdender Zimmerkasten gestellt: eine kahle, aufgeräumte Wohnung mit graugrünen, glattgeputzten Wänden, ein Raum, wie unbewohnt. Das Gegenteil von Milieu ist eben noch lange nicht Wirklichkeit.

Dies trübe Kunstgehäuse (über das sich, sinnig, ein Regenbogen spannt) diktiert Charakter und Klima der ganzen Inszenierung – die denn auch gleich mit kahler Ernsthaftigkeit einsetzt. Man spürt, daß Lietzau endlich einmal bei O’Casey nicht gemütliche Leute, sondern ungemütliche (Bürgerkriegs-)Zustände vorführen wollte.