Jetzt hat sich bereits die dritte Rockergeneration etabliert: die „Milchzahnrocker“

Von Ernst Klee

Das Kino ist aus. Frohgemut kommen die Besucher die Treppe herunter. Unten warten Rocker. Einige spielen genüßlich mit den Fahrradketten. Sage ein Rocker zu einem jungen Mann: Deine Jacke gefällt mir. Der junge Mann geht weiter, sagt nichts. Sagt der Rocker: Warum sagste nix? Nimmst mich nicht ernst? Doch, doch, erwidert der junge Mann. Was, du nimmst mich nicht ernst, sagt der Rocker, gleich kriegste eine geschmiert. Und zugleich hat er zugeschlagen.

Die Szene stammt aus keinem Rockerfilm, die Geschichte ist passiert. Die Gruppe hatte sich diesen Abend vorgenommen, „Exis“ (bürgerliche Nichtrocker) zu „ticken“. Oder man fragt nach dem Wetter, der Uhrzeit, nach einer Zigarette. Bei einer ablehnenden Geste fühlt man sich „angelabert“ und schlägt das Opfer zusammen. Dieses Verhalten stimmt mit dem Image in der Öffentlichkeit überein, folgt der Rollenerwartung.

Ein Rocker, den ich fragte, was einen „Rocker“ ausmache, zögerte nicht lange mit seiner Antwort: „Rocker, das ist ein Motorradklub praktisch. Die fahren mit den Motorrädern so rum, das macht Spaß. Die fahren an Kiesgruben, mal Schwimmen, mal zur Kerb, und da trinkt man ab und zu was, und da kann es passieren, daß es eine Schlägerei gibt.“

Wie er zu den Rockern gekommen sei, frage ich weiter: „So aus Kameradschaft“, die Antwort kommt ohne längeres Nachdenken, „na ja, die Kameradschaft bei den Rockern ist die beste, die es überhaupt gibt. Die machen zwar mal ab und zu Blödsinn, eine Schlägerei oder so, aber die halten zusammen, verraten keinen. Und zu der Zeit hab’ ich auf der Straße gelegen, da haben die mich aufgenommen. Die haben mich aus dem Dreck gezogen.“ Und abschließend wiederholt er noch einmal: „Die Kameradschaft ist einfach sagenhaft.“

Die Frage an eine Vorstadtgruppe, was denn ihr Lebensziel sei, löste in der Gruppe Erregung aus: „Was haben wir für ein Lebensziel?“ Nach einigem Zögern, nach wildem Durcheinander, beschwört einer der Wortführer: „Ehrlich, eisern Freunde, immer Rocker bleiben.“ Daraufhin kommt ein Zuruf aus der hinteren Reihe: „Ich werde immer so bleiben, wie ich bin.“ Der Wortführer nochmals: „Eisern. Immer eine Clique.“ Mehrere: „Immer zusammen. Bis wir 83 oder 90 sind.“