Unbequem, im handgreiflichen Sinn des Wortes, sind die Bücher, mit denen die "Berliner Handpresse" seit nun fast anderthalb Jahrzehnten diskret von sich reden macht: Die meist Spieltischgroßen Formate passen partout in keinen Bücherschrank, nicht einmal dorthin, wo man Ausstellungskataloge oder Kunstbände lagert; man muß sie entweder dekorativ herumliegen lassen oder zu irgendwelcher Graphik in tiefe Schubladen tun. Schwer unterzubringen ist aber auch sonst die Produktion der Handpresse inmitten eines Marktes, der von Taschenbuchreihen und Bestsellern, von Schnellfertigkeiten und Koproduktionen bestimmt wird. Der Drei-Mann-Betrieb (der dritte ist eine Frau) stellt seine Bücher in aller Ruhe und Präzision und ohne jeden Marktschrei selbst her; man setzt selbst, man druckt selbst, und an den Graphiken sind alle drei – Ingrid Jörg, Wolfgang Jörg und Erich Schönig – beteiligt. Die einzig Fremden, die ihnen ins Handwerk reden dürfen, sind die Autoren, aber auch die meist in der Eigenschaft des Freundes, des Gönners, des Stifters, der was für die Kreuzberger Drucker "übrig hat". Die Handpresse kann in letzter Zeit gelegentlich auf Texte zurückgreifen, die nicht nur wie für sie geschaffen, sondern in der Tat für sie geschaffen sind. Der exemplarische Beleg ist ein Jubiläumsbuch, der 40. Druck des Unternehmens, " Die Dinge in Buta", von Peter Hacks (Berliner Handpresse, 1 Berlin 30, Habsburgerstraße 6, 1974; mit 12 Linolschnitten von Erich Schönig und Wolfgang Jörg 38 S., 80,– DM). Hier ist, mit den Maßen 33 mal 33, beinah eine Quadratur aus Augenweide und Geschichtenspaß gelungen, und zwar nicht nur im simplen Verstand, sondern auch so, daß die Bilder eine deutliche Sprache sprechen und der Text bildhaft und auf satte Weise splendid wirkt. Peter Hacks hat den drei Kreuzbergern (und den dreihundert erhofften Käufern des Buches) eine Geschichte zugeschrieben, die sich die Schriftart geradezu zum Programm genommen zu haben scheint: "Grotesk-akzidenz-halbfett". Noch ehe man der Fabel folgen kann, merkt man die Lust des Autors am blow up pretiöser Wörter durch die großen Lettern, so wenn er vom jungen Helden der Geschichte sagt, er habe sich "ungespeist" zu Bett begeben, oder es habe sich der Empfangsdiener im Hotel der Hauptstadt von Buta "unversäumt" ans Telefon begeben. Die Geschichte selbst ist eine aus der verkehrten Welt; sie besteht, auf den ersten Blick, in einer etwas simplen Umkehrung jener menschlichen Bedürfnisse, über die man redet und über die man nicht redet. Und aus einem Tabu hat Hacks denn auch den Namen der Stadt Buta versilbert. Die Dinge in Buta liegen also so, daß zwar ungeniert von der Fleischeslust gesprochen werden kann, nicht aber von der Lust auf Fleisch (oder Wurst oder Eßbares überhaupt). Man darf alles zeigen, was das Menschengeschlecht auszeichnet, man darf alles tun, was früher mit Wollust, heute nur noch mit Lustgewinn zu tun hat, aber den Mund aufmachen, eine Lippe riskieren, gar die Zunge zeigen – das ist in diesem Land tabu, oder sagen wir es hacksisch: batu. Und schon hat man sich in den Fallstricken der Fabel verfangen und merkt, diese diese drastische Story steckt voller Durchtriebenheit. Die Umkehrung ist keine um hundertachtzig, sondern allenfalls um 69 Grad. Verpackt ist da eine beträchtliche Ladung Spott über eine Sexualität, die mehr Freud als Freude bezeugt, aber Spott auch über eine Gesellschaft, die einen etwas sauertöpfischen oder ökonomisch bedingten Konsumverzicht leistet: "Hinzu kommen zwei soziologische Fakten", sagte die Frau streng. "Erstens verzehrt der Arbeiter weniger als andere Gruppen und hat daher von der Unterdrückung weniger zu leiden, und zweitens ist es ihm, wenn er schon überhaupt etwas verzehrt, gleichgültig in welcher Form dies geschieht, so daß er auch in dieser Hinsicht von der Unterdrückung wesentlich unbetroffen ist." Dialektik nicht nur für Buta.

Dieter Hildebrandt