Einer der größten Erfolge deutscher Arzneimittel-Forschung in der Nachkriegszeit, die Entwicklung von Tabletten, mit denen Diabetiker behandelt und auf diese Weise von der Notwendigkeit, sich Insulin spritzen zu müssen, befreit werden können, wurde vor knapp fünf Jahren plötzlich fragwürdig. Denn eine Gruppe von Diabetologen glaubte bei einer Untersuchung, die an zwölf amerikanischen Universitätskliniken ausgeführt worden war, herausgefunden zu haben: Von denjenigen Zuckerkranken, die mit oralen Antidiabetica behandelt worden waren, starben doppelt so viele vorzeitig an Herz- und Kreislaufkrankheiten wie unter den Diabetes-Patienten, die Insulinspritzen oder lediglich eine Zuckerdiät erhalten hatten. Der Verdacht also kam auf, daß die Tabletten gegen die Zuckerkrankheit das Herz schädigen können.

Die amerikanischen Gesundheitsbehörden nahmen diese Vermutung immerhin so ernst, daß sie den Ärzten dringend rieten, orale Antidiabetica nur in solchen Fällen zu verordnen, in denen sich der Diabetes nicht mit Insulin oder Diät beherrschen läßt.

Freilich wurde auch Kritik an dieser Studie des University Group Diabetes Program (UGDP) laut, insbesondere seitens der Pharma-Industrie Die Statistik der Forschergruppe sei nicht überzeugend, hieß es.

Aus diesem Grunde wurde eine Biometrische Gesellschaft beauftragt, die UGDP-Studie von international anerkannten Experten durchleuchten zu lassen. Das geschah. Die Gesellschaft berief ein Komitee, bestehend aus führenden Biometrikern aus den USA, den Niederlanden und Italien, zudem Berater aus Großbritannien und der Bundesrepublik. Ihr Bericht wird am 10. Februar im Ärzteblatt „Journal of the American Medical Association“ (JAMA) erscheinen.

Das Resultat: Der weitaus größte Teil der vorgebrachten Argumente gegen die UGDP-Studie hat sich als unhaltbar erwiesen. Tatsächlich muß das Risiko, an einer Herz- und Kreislaufkrankheit vorzeitig zu sterben, bei Diabetes-Patienten, die orale Antidiabetica erhalten, etwa doppelt so hoch eingeschätzt werden wie bei Zuckerkranken, die mit Insulin oder nur mit diätethischen Maßnahmen behandelt werden. In einem Editorial der Zeitschrift wird Doktor Thomas Chalmers zu diesem Bericht Stellung nehmen. Chalmers erklärt, man müsse allein in den USA in jedem Jahr mit zehn- bis fünfzehntausend „unnötigen Todesfällen“ rechnen, die auf das Konto einer nicht unbedingt erforderlichen Therapie mit oralen Diabetesmitteln gingen.

-ow