Von Nina Grunenberg

Der siebzehnjährige Holger ist arbeitslos. Als er von der Schule "ins Leben treten" wollte, fand er nichts, wo er hätte Fuß fassen können. Daß er einer von jenen hunderttausend beschäftigungslosen Jugendlichen ist, die der Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik ihren bedrohlichen Anstrich geben, regt den Hamburger Holger selber am wenigsten auf. Er ist Pech gewohnt.

Schon in der Schule gehörten Niederlagen zu Holgers Leben. Das lag auch an dem Sprachfehler, an dem er leidet. Als der schüchterne, schmale Junge erzählt, wie er, mit dem Etikett "lernbehindertes Kind" versehen, zwischen Volks- und Sonderschule hin und her geschoben wurde, ist er nicht leicht zu verstehen. Sein Nuscheln sei aber früher noch viel schlimmer gewesen, fast so schlimm wie seine Schwäche im Diktat.

Einen regulären Hauptschulabschluß hat Holger nicht. Irgendwann drückte ihm ein Lehrer einen Zettel mit der Adresse der "Gewerbeschule Transport und Verkehr" in die Hand. Er sollte sich dort um Aufnahme bemühen.

Der Name der Schule trüge: Er stammt noch aus Zeiten, als sie die Berufsschule der Postjungboten, der Bundesbahngehilfen und der Tankwarte war. Weil die Schülerzahl dieser Berufszweige schrumpfte – früher waren beispielsweise dreißig Klassen nötig, um die angehenden Tankwarte unterzubringen, heute nur noch vier –, wurde die Schule zur Auffangstelle für berufsschulpflichtige Jungen umfunktioniert, die nirgendwo gern genommen werden: Jugendliche ohne Ausbildungsvertrag, Gastarbeiter, Aussiedler, Lernbehinderte, Sonderschüler, Hauptschüler ohne Abschluß, die mindestens zweimal sitzengeblieben sind – kurz, die Schwachen und die Fußkranken. "In der Hochkonjunktur wurden sie aufgewertet, weil sie gebraucht wurden", sagt Schulleiter Hans Gembus resigniert. "Aber jetzt sind sie die ersten, auf die man verzichtet. Unsere Jungarbeiter haben keine Lobby. Denn für die Kammern und die Gewerkschaften fängt der Mensch erst beim Facharbeiter an."

Auch die Arbeitsämter können für diese Jungen und Mädchen, die unter den jugendlichen Arbeitslosen die größte Gruppe sind, nicht viel tun. "Der Berufsberater kam mit leeren Händen zu uns", berichtet Hans Gembus. Weil sie mehr von den Schwierigkeiten als von den Möglichkeiten des Arbeitsamtes gehört haben, gehen viele der Jungen und Mädchen gar nicht erst zur Beratung, sondern suchen auf eigene Faust. Auch Holger war noch nicht auf dem Arbeitsamt.

Zwei Jahre lang sind ihm in der Gewerbeschule die "Handfertigkeiten" beigebracht worden, die von einem Jungarbeiter verlangt werden. Am liebsten würde er Anstreichergehilfe. Vorgestellt hat er sich auch die Arbeit in einer Tischlerei. Aber gefunden hat er noch nichts. Den einen ist er zu jung – bis achtzehn ist er noch berufsschulpflichtig, und wer nimmt jetzt noch einen Arbeiter, der einen Tag lang in der Woche in die Schule gehen muß –, den anderen nicht gut genug. Nicht einmal als Lagerarbeiter wollte ihn jemand haben, weil er, noch ohne Führerschein, nicht als Kraftfahrer oder Beifahrer eingesetzt werden kann.