Mit starker deutscher Beteiligung soll ein internationales zweijähriges Forschungsprogramm die Geheimnisse der irdischen Magnetosphäre lüften

Von Günter Haaf

Es war noch längst nicht Silvesterabend, als die Bewohner des kleinen grönländischen Städtchens Søndre Strømfjord im vergangenen Dezember ein ungewöhnliches Feuerwerk erlebten. Fauchend jagten Raketen in die eisige Polarnacht, um nach minutenlangem Flug ihre farbenprächtige Ladung am Himmel zu entleeren – in mehr als 100 Kilometer Höhe.

Ähnliche Spektakel konnten die Bürger im indischen Thumba und auf der norwegischen Insel Andøya in den Wochen nach Neujahr beobachten: Auch hier schossen britische und dänische, deutsche und amerikanische, indische und norwegische Wissenschaftler Höhenforschungsraketen in die oberen Schichten der Erdatmosphäre, um dann die farbigen Wolken zu beobachten, die von den Flugkörpern in vorherbestimmten Höhen ausgestoßen worden waren.

Kollegen der Forschungsfeuerwerker versorgten derweil in den Boden norddeutscher Acker und lappländischer Wälder versenkte automatische Meßinstrumente. Westdeutsche und sowjetische Geophysiker werteten zur gleichen Zeit die Aufzeichnungen von fünf Beobachtungsstationen aus, die mehrere Wochen entlang einer 5000 Kilometer langen Linie zwischen Lindau im Harz und Nowosibirsk gearbeitet hatten. Und in den Elektroniklabors der Max-Planck-Institute für extraterrestrische Physik (Sitz: Garching bei München) und für Aeronomie (Sitz: Lindau im Harz) – ebenso wie im europäischen Raumforschungszentrum ESTEC im holländischen Nordwijk oder im Space Sciences Laboratory der University of California in Berkeley – arbeiten Techniker und Wissenschaftler gegenwärtig an Experimenten, die im kommenden Jahr an Bord von Satelliten im erdnahen Weltraum eines der großen Geheimnisse unseres Planeten enträtseln helfen sollen: die irdische Magnetösphäre.

Die weltweite Forschungsaktivität zum Jahreswechsel war gleichsam die Generalprobe für einen wissenschaftlichen Großangriff. Von Januar 1976 an vereinigen Geophysiker aus Ost und West, aus Entwicklungs- und Industrieländern ihre Forschungskapazität in der "International Magnetospheric Study", kurz IMS genannt. Deutsche Wissenschaftler werden dabei eine wichtige Rolle spielen.

Ähnlich wie das "Internationale Geophysikalische Jahr", während dem vor knapp zwei Jahrzehnten vor allem die Antarktis erforscht worden war, soll nun das auf zwei Jahre angelegte IMS-Programm nationale Forschungsvorhaben zum besseren Verständnis des Erdmagnetfelds koordinieren. Denn jener Bereich des irdischen Magnetfeldes, der über die feste Erdkruste und die Atmosphäre hinaus weit ins All reicht, fasziniert seit Beginn der Raumfahrt die Erdwissenschaftler: Die äußerste Schutzhülle des Planeten Erde ist ein kompliziertes Gebilde aus Kraftfeldern und Teilchenströmen, das empfindlich auf Schwankungen des beständigen Partikelstromes von der Sonne ("Sonnenwind") reagiert und auf vielfältige Weise die oberen Schichten der Lufthülle beeinflußt. Beobachtet und erforscht werden kann die Magnetosphäre nur mit aufwendigem technischem Gerät – mit Erdsatelliten, Höhenforschungsraketen und -ballons oder mit weitverzweigten Bodenstationen, die möglichst in den unzugänglichen Polarzonen installiert sein sollten.