Wir greifen das Beispiel eines unverheirateten kaufmännischen Angestellten heraus; der Betreffende ist 27 Jahre alt, gelernter Buchhalter mit durchaus guten Zeugnissen. Am 1. Juli 1929 verlor er seine Stellung ohne irgendein persönliches Verschulden. Es war eine kleine Übergangsstellung in Berlin mit 125 RM Monatsgehalt gewesen. Immerhin, der junge, anspruchslose Mann erhielt sein Gehalt pünktlich und regelmäßig und konnte sich recht und schlecht damit durchschlagen.

Mit dem Tage der Erwerbslosigkeit standen ihm nur RM 13,20 wöchentlich = RM 52,80 monatlich zu. Man frage sich, was konnte er, der völlig mittellos war und keine Möglichkeit hatte, bei Eltern, Verwandten oder „Bräuten“ sich mitverpflegen zu lassen, mit etwa RM 50,– in Berlin anfangen? Natürlich mußte der junge Kaufmann sein ohnehin billiges Zimmer von RM 35,– Monatsmiete sofort aufgeben. Denn wer kann von RM 50,– noch RM 35,–Miete bezahlen? Die Erwerbslosigkeit bedeutete für den jungen Mann also zunächst Obdachlosigkeit. Aber weiter: Erst am 20. August, also volle 7 Wochen nach Beginn seiner Erwerbslosigkeit, erhielt der Arme die ihm ab 1. Juli zustehende Unterstützung ausgezahlt. Sein letzter Gehaltsempfang lag weitere 4 Wochen zurück!

Man stelle sich vor. Was tut einer, der volle elf Wochen keinen Pfennig in die Hand bekommt und nirgendwo ohne Geld wohnen und essen kann? Schon die ersten Wochen der Erwerbslosigkeit bedeuten so für viele wirtschaftlich, gesundheitlich und sittlich das rasche Herabrutschen auf eine schiefe Ebene, welches dann entscheidend wird für das ganze übrige Leben ...

Aus: „Deutsches. Arbeitsdienstjahr statt Arbeitslosendasein“, von Karl Schöpke, München 1930