Von Kurt Nitsch

Mit großem Ernst distanzieren sich Ärzte immer wieder von Experimenten am Menschen. Indessen ist mir keine wissenschaftliche Arbeit bekannt, die etwa belegen würde, daß Experimente am Menschen auf dem rein ärztlichen Sektor gefährlicher wären als Experimente mit Seele, Psyche und Intellekt. Im Gegenteil, die Wissenschaft der Psychologie lehrt uns, daß schwerwiegende und nachteilige Folgen durch Belastungen verursacht werden, die der naive Betrachter für geringfügig hält oder gar nicht als Belastung wertet.

Bei dieser Konstellation ist es geradezu erstaunlich, wie wenig und vor allem wie selten kritische Äußerungen zur Experimentierlust unseres Schulwesens laut werden. Eine grundsätzliche und kritische Erörterung der Schulversuche ist uns ebensowenig bekannt geworden wie die Errichtung von Aufsichtsinstanzen, die solche Schulversuche kritisch begleiten könnten. Meist setzt Kritik allenfalls an vollendeten oder nahezu vollendeten Tatsachen an.

Die Schule kann nicht stehenbleiben. Sie muß sich entwickeln können, sie muß der Zeit folgend Wandlungen unterliegen. Daran ist kein Zweifel: Schulversuche sind unentbehrlich. Aber sie sollten multidisziplinär geschehen. Das aber ist nur möglich, wenn in den Bundesländern ein Gremium von Pädologen zur Beratung der Schulverwaltung und der Kultusminister zur Verfügung steht. Pädologie ist die Wissenschaft vom Kinde und umfaßt dementsprechend, alle Disziplinen, die wissenschaftlich mit dem Kinde beschäftigt sind, also neben Pädagogen vor allem Kinderpsychologen und Kinderärzte (Pädiater).

Große Gefahren

Alle Schulversuche und Modelle, die diese erste Schranke passiert haben, müssen im Stadium der Erprobung wissenschaftlich begleitet werden, ebenfalls wieder von einem ähnlichen Kreis von Pädologen. Es hat sich oft gezeigt, daß die Beschränkung auf pädagogische wissenschaftliche Begleitung unzureichend, ja falsch ist. Die Wissenschaft vom Kinde ist so ausgedehnt und vieldimensional, daß die einseitige Beschränkung auf pädagogische Aspekte ungenügend ist. Selbst grobe Fehler können sich sonst einschleichen, ja haben es schon oft getan.

Selbst Elternzusammenschlüsse, Elternräte und Elterninitiativen sehen die Probleme einseitig und unvollkommen. Die kinderärztliche Wissenschaft schickt sich erst in den letzten Jahren ganz allmählich an, ihre Pflicht gegenüber Gesundheit und Entwicklung des Kindes im politischen Raum wahrzunehmen. Kinderpsychologen, Verhaltensforscher und Kinderpsychiater sind in dieser Richtung noch zögernder vorangegangen, und ein Zusammenschluß all der Berufe, die zusammen die „Pädologie“ ausmachen, hat sich weder im wissenschaftlichen noch im Medienbereichund schon gar nicht im politischen Bereich gebildet.