Von Kurt Wendt

Wenn die alte Börsenregel noch stimmt, wonach die Börse eine Konjunkturphase um sechs bis acht Monate vorwegnimmt, dann müßte es in der zweiten Jahreshälfte 1975 zu einer weltweiten Wirtschaftsbelebung kommen. Denn selten haben die wichtigsten Börsenplätze ein so einheitliches Bild gezeigt wie in den letzten Wochen. Wenn die deutschen Aktienkurse im Januar nur ein vergleichsweise geringes Plus von acht Prozent erzielt haben, so ist zu berücksichtigen, daß die deutschen Aktienmärkte im vergangenen Jahr zu den stabilsten der Welt gehörten. Das Erholungspotential ist bei uns geringer als in Ländern, in denen 1974 die Aktienkurse „zusammengebrochen“ sind. In London fielen die Kurse um 53 Prozent, in Zürich um 36, in Frankreich um 33 und in New York um 30 Prozent. Der deutsche Aktienindex veränderte sich demgegenüber von Ultimo 1973 zu Ultimo 1974 kaum.

Über die Gründe für den kräftigen Wiederanstieg der Aktienkurse gibt es kaum Meinungsverschiedenheiten. Sinkende Zinsen durch mehr Liquidität sowie das allgemeine Umschwenken der amtlichen Konjunkturpolitik in Richtung Konjunkturbelebung haben den Stimmungsumschwung ausgelöst. Dazu kommt, daß sich durch internationale Verhandlungen zumindest Möglichkeiten dafür abzuzeichnen scheinen, wie mit dem Öl-Dollar-Problem letztlich fertig zu werden ist. Die Furcht vor einer gewaltsamen Konfrontation mit den Ölländern schwindet.

Je mehr die Zinsen international sinken, um so interessanter werden für Ölländer mit Kapitalüberschüssen Aktien großer westlicher und auch japanischer Unternehmen als längerfristige Anlagen. Nicht unbedingt um sie zu beherrschen, sondern weil Aktien ein Instrument sind, das im Rahmen einer internationalen Anlagepolitik eben nicht fehlen kann. Börsenbeobachter schließen nicht aus, daß es Öldollar waren, die den Anstoß zur Börsenhausse in England, Italien und wohl auch in den USA gegeben haben. Schließlich bedienen sich die Ölstaaten des Nahen Ostens bei ihren Wertpapier-Investitionen großer amerikanischer Broker und in Deutschland erfahrener Banken.

Die Wertpapieranalysten des deutschen Kreditgewerbes staunen immer wieder, mit welcher Treffsicherheit Ausländer (und hier dürfte es sich zur Zeit eben weitgehend um Ölländer handeln) sich die Rosinen aus dem deutschen Aktienkuchen herauszupicken versuchen. Es dürfte deshalb kein Zufall sein, wenn in den letzten Wochen auch in den USA die sogenannten „blue chips“ bei hohen Umsätzen die größten Kursgewinne erzielten. Am 24. Januar kletterte der Dow Jones, wichtiger Index für US-Aktien, bei einem Rekordumsatz von 32 Millionen Aktien innerhalb kurzer Zeit um 26 Punkte. So stürmisch ging es in Wall Street zu. Weder das hohe amerikanische Außenhandelsdefizit noch der Kursverfall des Dollar, sonst negative Börsenfaktoren, beeindruckten die Käufer. Die in den letzten Jahren vorsichtig gewordenen institutionellen Anleger der USA gaben ihre Zurückhaltung auf. Sie wollen den Beginn einer neuen Hausse nicht verpassen. Denn am Anfang einer Aufwärtsbewegung läßt sich bekanntermaßen am meisten Geld verdienen.

Gleichwohl bleibt ein hohes Maß an Unbehagen. Das trifft besonders für die Londoner Börse zu. „Es gibt wirklich nichts Positives über die englische Wirtschaft zu melden“, wundert sich die Schweizer Zeitung „Finanz und Wirtschaft“: „Auch die Aussichten sind düster wie eh und je. Es gibt namhafte Experten, die für Englands Wirtschaft und Finanzen nur noch das totale Chaos, ein völliges Auseinanderbrechen der gesamten Wirtschaftsstruktur und einen Übergang zur Staatswirtschaft prophezeien. Die Arbeitslosenzahlen wachsen, die Schwierigkeiten zahlloser Firmen steigen, und die Streiks und Unruhen nehmen kein Ende. Wenn man die Bombenhausse auf diesem Hintergrund betrachtet, bleibt wirklich keine plausible Erklärung, als eben an ein Wunder zu glauben.“

Ohne Zweifel steht die Aufwärtsbewegung der deutschen Aktien auf sichereren Füßen. Das große Wort in den Börsensälen führen gegenwärtig die „Monetaristen“, also jene, die als Hauptkriterium für die Börsentendenz die Menge des jeweils zur Verfügung stehenden Geldes ansehen. Und in der Bundesrepublik wird die Geldmenge über die Notenbankpolitik vermehrt, wenn auch teilweise nur dadurch, daß die Bundesbank darauf verzichtet, Maßnahmen gegen einströmende Devisen zu treffen. Die Zinsen sinken – auch das treibt die Aktienkurse.