Von Wolfram Siebeck

Ich wage es kaum zu schreiben: Wissenschaftler haben festgestellt, daß... halt! Nicht weglaufen! Ist doch sinnlos. Nehmen Sie lieber einen Schnaps. In geringen Mengen genossen – auch das haben sie schließlich festgestellt! – wirkt er beruhigend. Also – wir bitten Sie, sich anzuschnallen und das Staunen einzustellen: Wissenschaftler haben festgestellt, daß Zähneputzen nutzlos und daher überflüssig ist!

Noch einmal für alle, die’s nicht glauben wollen: Ob sich ein Kind die Zähne dreimal täglich putzt oder nur dreimal in der Woche, ist völlig egal. Das eine bewirkt nichts, das andere schadet nicht.

(Die Herren Blendax, Colgate und wie sie alle heißen dürfen jetzt ausnahmsweise einen dreifachen Schnaps trinken.)

Erinnern Sie sich noch an damals, als es hieß, Butter sei potenzfördernd? Als das Blei der Auspuffgase zum Lebenselixier vieler Pflanzen erklärt wurde? Welch ein Tag, an dem sie feststellten, daß Kaffee reines Gift, Geschlechtsverkehr für einen 83jährigen aber nicht anstrengender als Treppensteigen sei!

Was nun die Nutzlosigkeit des Zähneputzens angeht, so halte ich das für die revolutionierendste Erkenntnis seit damals, als sie sagten, alle Menschen seien gleich. Wenn es in den Familien noch eine Spur von Disziplin gab, so basierte sie auf der Pflicht der Kinder, sich täglich zweimal die Zähne zu putzen. Welche Eltern hätten nach dem ersten Besuch beim Zahnarzt nicht mahnend darauf hingewiesen: "Siehst du, das kommt davon, wenn man sich nicht regelmäßig die Zähne putzt."

Vorbei. Die letzte Bastion bei der Verteidigung der Autorität ist gefallen. Da wird es nur noch schlimmer, wenn Wissenschaftler gleichzeitig feststellen, daß die antiautoritäre Erziehung gar nicht so gut für die Psyche der Kinder ist. Was soll das? Welche Autorität hätten wir, die Eltern, denn jetzt noch, nachdem sie uns die Zahnbürste aus der Hand geschlagen haben? Fast möchte man sich mit den Studienräten solidarisieren, die das Rückzugsgefecht führen wie deutsche Soldaten in Rußland: dem nachrückenden Feind nur rauchende Trümmer überlassend. Wie sie dem anarchistischen Freiheitsdrang der jugendlichen Revolutionäre mit aller Härte begegnen; wie sie Strafen verhängen, weil so einer mit ungeputzten Zähnen während der Unterrichtsstunde ißt, das läßt einen wünschen, Louis XVI. hätte solche Staatsdiener gehabt. Der Pöbel wäre machtlos geblieben. Daß er, wie damals üblich, ein notorischer Schmutzfink war und sich nie die Zähne putzte, hatte jedenfalls nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen keinen Einfluß auf seine Gesundheit. Den hatte die Revolution, und auf die hatten, Wissenschaftler Einfluß mit ihrer Feststellung von der Gleichheit der Menschen. Die gleichen, die jetzt das Ding mit dem Zähneputzen in die westliche Zivilisation gesetzt haben.

Wollen mal abwarten, wie lange sie noch existiert. Bis dahin ist ein dreifacher Schnaps, zweimal täglich, dringend zu empfehlen. Schon allein wegen des Mundgeruchs, der uns umgibt, seit wir uns die Zähne nicht mehr putzen.