Wir nehmen hier im Kino eine parteiliche Haltung ein: für die am wenigsten organisierten Wahrnehmungsfähigkeiten und gegen die Bedeutungsdramaturgie, die ein weiteres Herrschaftsinstrument ist. Wir haben in den Massenmedien eine Überproduktion an Meinung und eine Unterproduktion an Wahrnehmung, was die Möglichkeit, die eigenen unmittelbaren Erfahrungen und Assoziationen mit dem Erfahrungsgehalt von Filmen zu verbinden, schwächt. Eine Bank akkumuliert Kapital. Manche Linke neigen dazu, ebenso Wut zu akkumulieren. Wir nennen das Legitimationsprofite. Das geht wiederum auf Kosten unmittelbarer Erfahrungen.

Alexander Kluge, Schriftsteller und Filmemacher, in einem Interview mit dem „Berliner Extra-Dienst“

Angst vor Wallraff?

An der Evangelischen Akademie Loccum ist es wegen einer Tagung über die Arbeiten des sozialkritischen Schriftstellers Günter Wallraff zu einem Konflikt gekommen, der nicht nur das Arbeitsgericht beschäftigen sollte. Mit Billigung des Konvents der Akademie hat die Wirtschaftspädagogin Muthgard Hinkelmann-Töwe für die Zeit vom 20. bis 22. Februar eine Tagung vorbereitet unter dem Arbeitstitel: „Günter Wallraff – Lästiger Kritiker oder mutiger Kämpfer für bessere Lebens- und Arbeitsverhältnisse?“ Am Tag, bevor die Einladungen verschickt werden sollten, hat der Direktor der Akademie, der Theologe Dr. Hans Storck, hinter dem Rücken der verantwortlichen Mitarbeiterin die Programme einstampfen lassen. Frau Hinkelmann, der der Zutritt zu ihrem Büro verboten ist, wurde entlassen mit der Begründung, sie habe die Tagung „unsolide vorbereitet“. Ein Vorwurf, der wohl nur ein Vorwand ist – für einen neuen Fall politischer Zensur.

Neues von der documenta 6

Eine Tagung, die documenta 6 betreffend, fand am vergangenen Wochenende in Kassel statt. Mit Rolf Lucas, dem Geschäftsführer der documenta-GmbH, und Manfred Schneckenburger, dem seit dem 1. Januar 1975 amtierenden künstlerischen Leiter der documenta, traf sich das Arbeitskomitee, dem Arnold Bode, Gerhard Bött, Erich Herzog, Klaus Honnef, Pontus Hultén, Edward Fry, Jan van der Mark, Karl Ruhrberg, – Wieland Schmied, Kynaston Mc Shine und Evelyn Weiß angehören. Nachdem im vergangenen halben Jahr die Konzepte und Gegen-Konzepte verschiedener rivalisierender Gruppen an und unter den Konferenztischen gehandelt wurden und außer Animositäten nichts recht gedeihen wollte, scheint man jetzt friedlich geworden zu sein und sich darauf geeinigt zu haben, daß die nächste documenta in Medien-Gruppen (und nicht, wie bisher, in Themen-Abteilungen) arrangiert werden soll. Dabei werden auch Randdisziplinen wie Photo, Film und Design selbständige Abteilungen bekommen. In Anbetracht der Tatsache, daß bis zum Sommer 1976 eine Ausstellung von diesem Umfang kaum noch sorgfältig vorzubereiten Und durchzuführen ist, wurde außerdem erörtert, die documenta 6 auf 1977 zu vertagen.

Verlags-Poesie

Verlagsmitteilungen sind, manchmal nützlich, gelegentlich geschwätzig, informative Prosa. In letzter Zeit aber werden sie, die Poesie doch nur annoncieren sollen, immer häufiger selbst zu poetischen Texten. Hatte eben noch der Verlag Droemer Knaur in hochdramatischem Schlachtberichtstil („Ein seit Jahren währender Konkurrenzkampf internationaler Verlage ist entschieden“) seinen Sieg beim Wettlauf um die Memoiren des Mimen Gurd Jürgens bekanntgegeben, so trifft nun aus dem Verlag Molden Poesie für weichere Gemüter ein. Hildegard Knef, das teilen die „Molden News“ in ihrer Ausgabe vom „Jänner 1975“ mit, „Hildegard Knef weilte knapp vor Weihnachten zusammen mit ihrem Mann, David Cameron, etliche Tage zu Besuch in Wien, wo sie neben Theaterbesuchen, einer ausgiebigen Shopping-Tour und langen Abenden mit alten Wiener Freunden den Molden-Verlag mit einer erfreulichen Weihnachtsüberraschung beglückte.“ Grund ihres Weilens: das neue Knef-Buch(„das heißt drei Fünftel des Werkes“) ist fertig. „Wie bei Hildegard Knef üblich, pünktlich und rein geschrieben.“ Da es sich bei dem Knef-Opus unzweifelhaft um die wichtigste literarische Veröffentlichung nach Solschenizyn handelt, „wird über den Titel und den Inhalt des Buches bis zur Fertigstellung des Gesamtmanuskriptes strengstes Stillschweigen gewahrt. Bisher haben lediglich Hildegard Knefs Ehemann und ihr Verleger das Manuskript gelesen. Nunmehr kommt als weiterer Eingeweihter der Lektor Franz Schrapfeneder hinzu.“ Machen die Verlage so weiter mit ihren rhetorischen Verbeugungen, ihren verbalen Kratzfüßen vor der Majestät Star, so werden sie bald eine neue Kunstform kreiert haben: die Hofschranzen-Poesie.