Von Karl Maly

Dr. Karl Maly ist Mitarbeiter der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Frankfurt-Main und betreut dort die geisteswissenschaftlichen Berufe.

Spötter pflegen sie als „Orchideenfächer“ zu bezeichnen. Ihr volkswirtschaftlicher Nutzen gilt als gering oder nicht vorhanden. Manch einer argwöhnt auch, die sogenannten „kleinen Fächer“ dienten allein der Befriedigung professoraler Eitelkeit. Dennoch: Für viele Abiturienten, die das Fach ihrer Wahl wegen ihrer mittelmäßigen Durchschnittsnote nicht studieren können, werden sie zum einzigen Ausweg.

Die Anzeichen dafür mehren sich. So schrieben sich etwa am Theaterwissenschaftlichen Institut der Universität München im Wintersemester 1973/74 80 Studenten für das Hauptfach „Theaterwissenschaft“ ein – vorher waren es gewöhnlich nur vier bis acht im Jahr gewesen. Auch andere „kleine Fächer“ scheinen heute die Funktion zu erfüllen, jedem einen warmen Platz an der Alma Mater zu bieten. Um nur einige von ihnen aufzuzählen: Afrikanistik, Archäologie, Assyrologie, Indologie, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und (mit einigem Zögern) auch Publizistik. Im .Grunde also Forschungsrichtungen mit historischer oder sprachlicher Dimension, die sich im Laufe der Hochschulgeschichte zu selbständigen Fächern gemausert haben, getragen von eigenen Lehrstühlen. Andere, ehedem hoch angesehene Fächer, die, wie etwa Philosophie oder Klassische Philologie, einst sogar in gewissem Umfang Massenfächer waren, drohen heute an Interesse zu verlieren und in den Status der „kleinen Fächer“ zurückzufallen.

Daran, daß es überhaupt zum Vorwurf der Überflüssigkeit, der zweifelhaften „gesellschaftlichen Relevanz“ der „kleinen Fächer“ kam, sind ihre Vertreter nicht ganz unschuldig. So bekam ich zu meiner eigenen Verwunderung von einem Vertreter eines dieser Fächer einmal zu hören: „Mein Idealziel ist die Professur auf Lebenszeit, ein H-4-Lehrstuhl mit maximal zwei bis vier Hörern im Semester.“

Kritiker fragen sich heute, ob es nicht besser sei, die finanziellen Aufwendungen dafür zur Schaffung von neuen Studienplätzen in den hoffnungslos überlasteten Massenfächern (etwa Medizin, Maschinenbau) zu nützen. Sie wenden sich dagegen, weiterhin mit Steuermitteln die intellektuellen Hobbys einiger kauziger Privatgelehrter zu fördern. Das ist sicher nicht ganz von der Hand zu weisen. Nach einer Analyse des Hochschulverbandes, angefertigte im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft; zeichnen sich die „kleinen Fächer“ durch zwei Merkmale aus: Sie sind meistens nur an wenigen Hochschulen vertreten und haben, verglichen mit anderen Studiengängen, nur wenige Studenten. Die meisten dieser Fächer können zwar in Fachkreisen bekannte, glanzvolle Namen und eine ruhmreiche Tradition vorweisen; mit dem Nachweis ihrer Effektivität, insbesondere: bei der unmittelbaren Anwendung der Forschungsergebnisse auf die Praxis, tun sie sich jedoch schwer. Das muß sich auch auf die zukünftigen Berufschancen der Studierenden auswirken.

Der Ausschuß „kleine Fächer“ des Hochschulverbandes hat diesen Disziplinen auch für die Zukunft Chancen eingeräumt: „Der Maßstab der gesellschaftlichen Relevanz... muß sehr differenziert gesehen werden. Abgesehen von der Unentbehrlichkeit der „kleinen Fächer’ im Gefüge der Wissenschaft kann ein Land mit so starken internationalen Beziehungen wie die Bundesrepublik, mit weitreichenden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verpflichtungen, auf einen Stab an Experten auch in solchen Wissenschaften nicht verzichten, für die es keine personalintensiven Laufbahnen gibt.“