Die Wirtschafts- und Sozialkommission der Vereinten Nationen für die asiatischen und pazifischen Länder (ESCAP) stellt in ihrem jüngsten Jahresbericht eine deprimierende Prognose.

Nach Ansicht des Ausschusses ist in den kommenden Jahren der Hungertod für Millionen von Menschen in Asien unvermeidlich, wenn dieser Gefahr nicht durch ein sofortiges Notstandsprogramm und eine völlige Änderung der Entwicklungshilfepolitik auf lange Sicht begegnet wird. Ziel dieser Revision müsse es sein, mehr für die Massen unterhalb der Armutsschwelle zu tun.

Nach der Darstellung der ESCAP-Kommission befindet sich die Wirtschaft in der asiatisch-pazifischen Region in einem verzweifelten und alarmierenden. Zustand. Gestiegene Ölpreise, Inflation, Verfall der Rohstoffpreise, mangelnde und weiter schrumpfende Auslandshilfe sowie die nach wie vor rapide steigenden Bevölkerungszahlen schließen sich zu. einem Teufelskreis.

Im einzelnen führt der Ausschuß aus, daß die weltweite Nahrungsmittelknappheit und der steile Anstieg der Preise für Öl als Hauptenergiequelle die allgemeine wirtschaftliche Situation der asiatischen und pazifischen Länder prägten. Jene Länder mit ohnehin niedrigem Pro-Kopf-Einkommen, in denen große Teile der rasch zunehmenden Bevölkerung bereits unter oder nur knapp über dem notwendigen Minimum an Lebensmittelver-, sorgung lebten, seien durch die Krise in der Nahrungsmittelerzeugung auch ‚am meisten betroffen worden. Zudem habe die, weltweite Knappheit die Möglichkeiten zur Lebensmittelhilfe vermindert und die Preise für Nahrungsmittelimporte im gleichen Augenblick in die Höhe getrieben, in dem die einheimischen Ressourcen zurückgegangen seien. Hinzu komme nicht zuletzt, daß die Energiekrise zur Einschränkung von Entwicklungsprogrammen geführt, zur Inflation beigetragen und die Zahlungsbilanzprobleme der meisten ESCAP-Länder vergrößert habe.

Fast alle diese Länder hätten, ihr Ziel, die landwirtschaftliche Produktion um vier Prozent zu Steigern, nicht erreicht; in einigen Ländern habe es sogar Rückschritte gegeben. Die künftigen Aussich-, ten für die Entwicklung der Landwirtschaft seien entmutigend, falls die ungünstige Witterung anhalte und die Produktionspreise infolge der hohen Ölkosten sowie der weltweiten Inflation nicht fallen würden.

Zugleich steigt die Bevölkerungszahl wie die der Arbeitskräfte nach wie vor geradezu alarmierend an. Die deshalb an sich nötigen Maßnahmen zur Vermehrung der Arbeitsplätze, zur Ausweitung der Produktion und der Investitionen würden jedoch wiederum durch die Energieschwierigkeiten behindert. Die Aufwendungen für Ölimporte in den Entwicklungsländern der asiatisch-pazifischen Zone hätten sich nach den bisherigen Schätzungen 1974 gegenüber dem Vorjahr verdreifacht. Viele der ESCAP-Länder sind nicht mehr in der Lage, ihre drängenden Zahlungsbilanzprobleme ohne umfangreiche Finanzhilfen von außen zu lösen.

Unverändert bleibe insbesondere das rapide Bevölkerungswachstum ein großes Hindernis bei den Bemühungen, die Entwicklungsziele zu erreichen. Dies gelte vor allem für die ärmsten Länder und für jene Regionen, in denen die Bevölkerungszunahme trotz Familienplanung am stärksten sei. Selbst in den Ländern, in denen bei der Familienplanung einige, Erfolge erzielt worden seien, mache sich das Bevölkerungswachstum vor allem bei den erwerbsfähigen Schichten bemerkbar. Die verschiedenen Programme und Vorhaben zur Heraufsetzung der Beschäftigungsraten seien jedoch weithin wirkungslos geblieben. Saisonale Unterbeschäftigung in den ländlichen Gebieten, Arbeitslosigkeiten den Städten, von der teilweise besonders die jungen Menschen betroffen seien, und die Probleme jener, die zwar ausgebildet, aber beschäftigungslos seien, kennzeichnete! die allgemeine Arbeitssituation. Die beiden ersten Faktoren hätten spürbar zur Massenarmut beigetragen. Für den Rest des Jahrzehnts seien die Aussichten auf diesem Gebiet alarmierend.

Nahezu alle Länder in Asien und im Pazifik sähen sich nun den Konsequenzen der Inflation gegenüber, die zwar zum Teil importiert worden, nun aber auch hausgemacht und desto hartnäckiger sei. Bei dem Versuch, die schlimmsten Auswirkungen der Preissteigerungen zu lindern und zugleich die Wurzeln der Inflation selbst anzugehen, sehen sich die Entwicklungsländer mehr noch als die entwickelten Staaten vor dem Problem, jene Konflikte zu lösen, die sich zwischen einer Politik der Stabilität oder der öffentlichen Wohlfahrt ergeben. Wörtlich schreibt die UN-Kommission: „Die Verschlechterung der wdtwirtschaftlichen Lage in den letzten anderthalb Jahren hat die Perspektiven für einen großen Teil Asiens verändert. Aus der Erwartung, die Wachstumsziele der zweiten Entwicklungsdekade erreichen zu können, ist die Aussicht auf wirtschaftliche Stagnation und den Hungertod von Millionen geworden.“ Carl-Christian Kaiser