Man könne nicht ständig mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen, meinte Hermann Höcherl, als er noch Bundesminister war. Die Bundesbürger teilen diese Meinung weniger denn je: Sie machten das Grundgesetz zu einem der bestverkauften Taschenbücher.

In der Taschenbuch-Bestsellerliste des Hamburg-Frankfurter Barsortiments Georg Lingenbrink (Buchgroßhandel), die die Fachzeitschrift „Buchreport“ jetzt erstmals veröffentlicht hat, steht die GG-Ausgabe des Deutschen Taschenbuch Verlags (dtv) – wie alle dtv-Gesetze eine Lizenz des renommierten Verlags C. H. Beck – auf dem 10. Platz. Von dem Buch wurden allein im Jahre 1974 fast 100 000 Exemplare verkauft.

Überhaupt scheinen die Deutschen ihr Recht gern griffbereit zu haben: Spitzenreiter unter den Pocketbooks ist nicht etwa ein schöngeistiger Bestseller vergangener Jahre, sondern das Bürgerliche Gesetzbuch, dtv setzte von dieser Ausgabe bisher etwa 800 000 Stück ab. Bereits auf Platz 13 folgt eine Arbeitsgesetze-Sammlung, und immerhin noch Rang 49 belegt das Handelsgesetzbuch.

Neben den rechtsgläubigen Bundesbürgern verhelfen vor allem die Schüler den Taschenbuchverlagen zu Bestseller-Erfolgen. Denn deutsche und ausländische Literatur im Taschenformat ist in den letzten Jahren immer mehr zum klassischen Schulbuch avanciert. So finden sich auf den zehn ersten Plätzen der Lingenbrink-Liste Dürrenmatts „Der Richter“, Annette von Droste-Hülshoffs „Judenbuche“ und Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ ebenso wie Gerhard Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ und Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“. Von diesen Titeln wurden im vergangenen Jahr zwischen knapp 100 000 und 71 000 Exemplaren verkauft. Die Gesamtauflagen liegen zwischen 1,5 Millionen („Judenbuche“) und 722 000 Stück („Hauptmann von Köpenick“).

Vergleicht man die Lingenbrink-Liste mit den Verkaufszahlen der Verlage, so ergeben sich zum Teil leichte Rangverschiebungen. Denn der nicht unbeträchtliche Teil der Produktion, den die Verlage direkt an die Buchhandlungen liefern, wird weder von Lingenbrink noch von den anderen Barsortimenten erfaßt. Dennoch spiegelt die Bestsellerliste die Struktur des Taschenbuchmarktes: Die gängigsten und für die Verlage einträglichsten Titel stellen Schullektüren und Arbeitsbücher dar.

So erklärt sich auch die Rangfolge der Verlage: Von den 151 Titeln der Sellerliste stammen 38 aus dem Stuttgarter Reclam-Verlag, 31 von dtv, 23 aus dem Fischer-Verlag und 22 von Rowohlt.