Ein Elefant, der nicht gerade an Elefantiasis leidet, im Gegenteil, ein steiniger und, wenn man so will, verknöcherter, steht, ein Ungetüm, in Bremen: in einer Parkanlage nur wenige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt. Dort fristet er, das Symbol eines Stücks deutscher Vergangenheit und doch vom Geschichtsbewußtsein der jungen Generation ausgestoßen, sein Dasein. Der Elefant, zehn Meter hoch, aus Klinker, das Werk des Tierplastikers Fritz Behn, wurde 1932 eingeweiht: ein Kolonialehrenmal. Das Mal also jenes Kolonialismus, der – nun kommt doch schon gleich der Begriff Elefantiasis ins Spiel – an irgendeiner Verdickung, Aufschwemmung und Unförmigkeit moralischer Ansprüche gegenüber dem „Schwarzen“ Erdteil litt. Eine Elefantiasis des Hochmuts. Am Unterbau des Denkmals sieht man zwei Köpfe: den Kopf des preußischen Generals Paul von Lettow-Vorbeck, der sich im Ersten Weltkrieg einen Namen machte; und den Kopf des Bremer Großkaufmanns und Tabakhändlers Adolf Lüderitz, der im Jahre 1883 eine Bucht in Südwest-Afrika erwarb. Die Bucht trägt ja seinen Namen.

Tempi passati. Der Spuk ist verschwunden, der Hochmut ist dahin. Aber Weitläufigkeit ist geblieben, ein weitausgreifender, alle Erdteile umspannender bremischer Handel, Verbindung mit rund tausend Häfen. Importiert wird Holz, Getreide, Baumwolle, Wolle, Papier, Kupfer, Tabak, Kaffee, Südfrüchte, Kautschuk und vieles andere. Bremen, mit seinen nur 404 Quadratkilometern das kleinste Land der Bundesrepublik Deutschland, ein Staat von geballter Kraft, hat zwei Städte, Bremen und, 65 Kilometer entfernt, Bremerhaven. Die Städte sind durch niedersächsisches Gebiet voneinander getrennt, sie sind durch Wasser, die Weser, miteinander verbunden. Die Stadt Bremen hat, wie Dr. Herbert Brenning, der Direktor des Verkehrsvereins, mitteilt, zirka 580 000 Einwohner. Aber bei weitem nicht alle sind „Tagenbaren“. „Tagenbaren“ sind die „echten“, die alteingesessenen Bremer: Sie selber müssen in Bremen geboren sein, auch ihre Eltern und womöglich ihre vier Großeltern. Man sieht, ein bißchen Stolz, nicht gleich Dünkel oder Hochmut, schafft sich seine selbstbewußten Abgrenzungen. Im Dritten Reich brauchte man, um fein raus zu sein, ja auch die richtigen Großeltern, wenn auch anderer Art und zu anderem Behuf ... Mehr blutig ernst.

Im Bremer Ratskeller, wo es noch vor fünfzehn, zwanzig Jahren seriöser und steifer zuging, darf man, gleichgültig ob man sich einen Schoppen zu zwei Mark oder eine Flasche Wein zu vierhundert Mark bestellt hat, herzhaft lachen. Da herrscht Ungezwungenheit, kein dunkler Anzug ist erforderlich, und schon mittags wird das Zeitgefühl des Gastes oft derart eingenebelt, daß man sich wie in einer temperamentvollen Abendgesellschaft vorkommt. Wer sich in einem der hübschen kleinen seitlichen Séparées, wo zirka acht bis zehn Personen um einen runden Tisch Platz finden, in Damengesellschaft niederläßt, darf die Tür zum angrenzenden Saal nicht zumachen. Das ist kein „chambre séparée“, einen allmählichen Übergang von der sitzenden Position in eine bequemere gibt es nicht, der Ober hat jederzeit, auch ohne herangeklingelt zu sein, Zutritt. Schließt man versehentlich die Tür doch, dann kann man sicher sein, daß der Kellner erscheint und schnell eine Korrektur zugunsten der Sittlichkeit vornimmt.

Es gibt übrigens im Ratskeller kein Bier, Cognac nur zum Essen. Aber es gibt eine Weinkarte mit 625 verschiedenen Weinen, nur deutschen. Alle Weine sind abrufbereit.

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Oben, auf dem Marktplatz, vor der Südwestseite des Rathauses, steht das berühmte Monument: der 1404 aus Kalkstein errichtete Roland, mit Sockel neun Meter sechzig hoch. Er ist, wie ich im Baedeker lese, das „Sinnbild für den Anspruch der Bürger auf Reichsunmittelbarkeit, Marktrecht und zugleich auf Befreiung von der Bevormundung durch den erzbischöflichen Landesherrn“. Gut, gut. Das muß man wissen. Naive Vermutung hätte sich sonst in ganz andere. Bahnen verirren können. Ich sehe da einen Jüngling, der nicht gerade ein Adonis ist, mit der linken Hand an seinem Gürtel fummeln, der mit einer Schließe wie ein Keuschheitsgürtel verschlossen ist. An beiden Knien trägt der kräftig gebaute junge Mann Metallspitzen von etlichen Zentimetern Länge. Der Kerl hat sich doch nicht etwa zur Abwehr gegen mannstolle Weiber bereitgemacht? Gibt es in seinem Gemüt vielleicht noch einen Widerstreit zwischen spöttischer Abwehr und beginnender Kapitulation vor dem weiblichen Geschlecht?

Man hat mich in Bremen darauf hingewiesen, daß eine rein ästhetische Betrachtung dieses Denkmals verfehlt ist. Die Warnung kam, wenn sie überhaupt sinnvoll ist, im rechten Augenblick. Ich war gerade dabei, Anstoß zu nehmen an dem Schild mit dem doppelköpfigen Reichsadler, der im Jahre 1512 hinzugefügt wurde. Er ist, riesig und bunt bemalt, unförmig gegen Rolands linke Schulter geklatscht. Von Proportion keine Spur, die Vertikallinie der Gestalt stört der Schild ganz ungemein, und der Hinweis etwa, daß Schilde in solchen Größen (man sehe sich etliche Plastiken im reizvollen Focke-Museum an) damals gang und gäbe gewesen seien, ist nicht einmal als „mildernder Umstand“ zuzulassen. *