Als zu Jahresbeginn die abgasfreie Höhenluft im autofreien Zermatt durch den Einfall von Omnibussen bedroht war, protestierten mehrere tausend Dorfbewohner und Wintersportgäste mit einem Fackelzug. Unbekannte sabotierten die Testfahrt des neuen Transportmittels, indem sie Zucker in den Tank schütteten. Dreißig Jahre früher hatte schon einmal eine Protestaktion weites Aufsehen erregt. Zweihunderttausend Unterschriften, in aller Welt von der Alpinen Vereinigung Zermatt gesammelt, konnten 1946 den von den Italienern geplanten Bau einer Seilbahn auf das Matterhorn verhindern. Die beiden heftigst verteidigten Eigenheiten — autofreie Straßen und ein Bilderbuch Gipfel, der nur zu Fuß erklommen werden kann — sind denn auch die Besonderheiten, durch die Zermatt sich aus dem Katalog internationaler Wintersportorte hervortut.

Dabei ist die alpine Konkurrenz für das Matterhorn ganz beachtlich: Von 38 Schweizer Viertausendern stehen 29 in Zermatt, darunter der mit 4634 Metern höchste Berg der Eidgenossenschaft, der Monte Rosa. Aber die 4478 Meter hohe Pyramide des Matterhorns stellt eben alles in den Schatten.

Wer die Story der Bezwingung des Matterhorns noch nicht kennt, kann im Museum des Ortes Nachhilfe im alpinen Geschichtsunterricht nehmen. Dort liegen die Reliquien der tragischen Erstbesteigung vom 14. Juli 1865 durch die siebenköpfige Seilschaft des Engländers Edward Whymper: das gerissene Seil, das Whymper und den Zermatter Bergführern Taugwalder Vater und Taugwalder Sohn das Leben rettete, als ihre vier Bergkameraden nach dem Gipfelsieg in den Tod stürzten; das Gebetbuch des verunglückten Lord Reverend Hudson, ein Schuh seines ebenfalls umgekommenen Landsmannes Douglas, Rosenkranz und Hut des Chamonixer Bergführers Michel Croz, dem vierten Toten des Unglücks, neben dem Engländer Hadow.

Aber so sehr man in Zermatt auch mit Geschichte und Tradition lebt, gegen den technischen Fortschritt können und wollen sich die Walliser Bergbauern Joch nicht wehren. Und so wird sich mancher Umweltschützer über die Drahtseile der Bergbahnen mokieren, die den Panoramablick auf Gletscher und Gipfel stören. Die Pferdeschlittentaxis sind längst mit Funk ausgerüstet und werden zur Gepäckbeförderung von Elektrowagen entlastet. Und aus dem kostbaren, weil knappen Boden sind in den letzten Jahren nicht gerade zierliche Apartmenthäuser und Hotels aufgeschossen. Zwar schreiben Bauverordnungen Holzvertäfelungen vor und schränken die Größe der Bauprojekte ein. Aber Kurdirektor Constant Cachin hat alle Mühe, die Baulust seiner 3200 Gemeindehäupter und der zugereisten Kapitalanleger zu bremsen, damit nicht eines Tages die Gäste vor lauter Beton die Bäume unterhalb der Gletscherregion nicht mehr sehen. Immerhin kann Zermatt inzwischen 14 000 Fremde unterbringen, von denen die meisten aus Deutschland kommen. Cachin gehört auch zu den eifrigen Verfechtern des autofreien Ortes. Wenn man ihm mit dem Argument kommt, daß Zermatt trotz der neuen Straße bis Täsch, fünf Kilometer vor Ortseingang, immer noch relativ unbequem, mit Umsteigen in den Zug, zu erreichen sei, so meint der alt eingeschworene Wahl Zermatter: "Man reist nach Zermatt, um anzukommen "

Mit seinem majestätischen Panorama, vor allem aber dank seines riesigen Skizirkus gehört Zermatt zu den Topwintersportplätzen der Alpen. 30 Bergbahnen und Skilifts mit einer Förderkapazität von über 17 000 Personen in der Stunde erschließen 120 Kilometer markierte Piste in einer Höhenlage zwischen 1600 und 3500 Metern.

Zermatt behauptet einen Spitzenplatz in der Rangliste internationaler Skigebiete aber noch aus anderen Gründen: Skischule mit 175 Skilehrern und einer Kinderskischule, 12 Pistenfahrzeuge, 50 Funkstationen im Skigebiet, fünf Lawinenhunde, drei Hubschrauber für den Rettungsdienst und hochalpine Skiausflüge. Abfahrtscracks wird die Panoramatafel begeistern: Dort ist die Mehrzahl der Pisten (nämlich elf) als schwer und steil gekennzeichnet. Kein Grund zur Panik für Anfänger: acht Pisten gelten als leicht, sechs als mittelschwer.

Der Wedel- und Liftbetrieb verteilt sich auf drei Skiarenen: die Wald- und Wiesenregionen um Sunnegga und Blauherd mit den rasanten Pisten "Rio" und "National" und der leichten "Standart" Strecke sowie den baumfreien Hängen am Unter Rothorn; das Gebiet vom Gornergrat (für schwache Skifahrer) und Stockhorn (für schnelle Fahrer). Beide Reviere sind durch ein Lift- und Pistennetz miteinander verbunden. Durch den Gornergletscher von diesem Pistenkarussell getrennt, liegt das Dorado für Gletscherflitzer und Tobelfans: das Skigebiet am Schwarzsee mit den anspruchsvollen Abfahrten "Aroleid", "Tiefbach" und "Mamatt", den Buckelpisten am Trockenen Steg und den flachen veiten Gletscherflächen am Theodulpaß, wo 2ermatts extremster Schlepplift in 3365 Meter Höhe auf dem Furggsattel endet.