Warum ist das Tanztheater in Darmstadt gescheitert?

Bohner: Weil über diese Art von Tanztheater zwischen der Theaterleitung und uns unterschiedliche Vorstellungen bestanden und weil man zu lange gebraucht hat, das festzustellen. Ich wollte einfach ein Tanztheater machen, das nicht vordergründig eine bestimmte Publikumsschicht, also ein Abonnementspublikum zufrieden stellen soll, sondern eins mit vorwiegend zeitgenössischer Musik, in dem ich mit meinen Tänzern neue Arbeitsformen ausprobieren kann. Autonomie hat sich da als unabdingbare Forderung herausgestellt; denn ich muß die Freiheit haben zu einer längerfristigen Planung von Projekten. Um das „zu erklären: Ich hatte, als ich hier angetreten bin, einen Zweijahresvertrag abgeschlossen, der wurde dann um ein Jahr verlängert – die Planung konnte also nicht über diese Frist hinausgehen, und der Arbeitsdruck, unter dem wir standen, war so stark, daß man nur von Produktion zu Produktion planen konnte.

Kann sich ein Tanztheater in einem solchen Allspartenbetrieb überhaupt kontinuierlich entwickeln?

Bohner: Ich kann das im Moment eigentlich schlecht sagen. Ich bin zwar einerseits der Meinung, daß das Experiment noch nicht ausgeschöpft ist, aber zum anderen bin ich mir noch nicht darüber klar, wie weit für diese ganz spezielle Ballettarbeit ein Staatstheater der richtige Platz ist; denn unsere Arbeitsmethode unterscheidet sich doch sehr von denen anderer Sparten. Eben deshalb glaube ich, daß man dem Tanztheater bis zu einem gewissen Grade Autonomie geben muß. Ein Mehrspartentheater hat ja auch einige Vorteile...

...einen funktionsfähigen Apparat eine Werkstattbühne, ein breites Publikum. Ist es richtig, daß das Tanztheater zwar traditionell der Oper zugeordnet ist, in Darmstadt aber mehr Kontakte zum Schauspiel hat? Bohner: Ganz abgesehen von den persönlichen Kontakten, die es hier mehr zum Schauspiel gibt als zur Oper, haben wir doch mit dem Schauspiel gemeinsam, daß wir uns um neue Stücke bemühen, während die Oper eher zum musealen Bewahren von Stücken verpflichtet ist.

Sie sind in den letzten Jahren als ein Choreograph bekanntgeworden, dem es mindestens so sehr um den Arbeitsvorgang geht wie um das Produkt selber. Ist in dieser Zeit nun ein großer Konflikt entstanden zwischen dem äußeren Erfolgsdruck, dem Sie ausgesetzt waren, und dem Versuch, neue Arbeitsweisen zu erproben?

Bohner: Natürlich habe ich das gespürt in der Zusammenarbeit mit den Instanzen des Hauses, bis zu einem gewissen Grad auch in der Zusammenarbeit mit den Tänzern. Tänzer können ja nur kurze Zeit ihren Beruf ausüben; sie brauchen den Erfolg. Aber ich habe auch erfahren“ daß Erfolg etwas sehr Relatives ist, daß es für mich im Augenblick mindestens ebenso wichtig ist, zusammen mit den Tänzern neue Arbeitsformen zu finden.