Von Nina Grunenberg

Jedes Jahr am Neujahrsmorgen schlägt im Hamburger Rathaus die Stunde der Vorarbeiter und der Hausverwalter, der Reinemachfrauen und der vom Leben Geprügelten. Es kommen Blinde und Lahme, spastisch Gelähmte und geistig Behinderte. Aber auch Eltern mit ihren Kleinkindern kommen, die Hamburger Originale vom Fischmarkt fehlen nicht, und in diesem Jahr fiel die große Zahl der Jugendlichen auf.

Zweitausend Menschen reihten sich auf und warteten, bis sie dran waren – aus keinem anderen Grund, als um ihrem ersten Mann im Staat, dem Bürgermeister Hans Ulrich Klose, für einen Augenblick von Mensch zu Mensch gegenüberzutreten und ihm ein gutes Neues Jahr zu wünschen. „Durchhalten“ flüsterten sie ihm zu, „Kämpfen Sie!“ und: „Mehr Glück, als Ihrem Vorgänger beschieden war“. Mit ihrem Zutrauen und ihrer Verehrung berührten sie einen jungen Mann, in dessen sozialdemokratischem Bild vom Menschen Huldigungen der Bürger ursprünglich nicht vorgesehen waren, und der sich nun fragte: „Bin ich dem gewachsen?“

Wer sich intellektuell aufgeklärt und emanzipiert fühlt, wird das Bedürfnis der Bürger nach Selbstdarstellung des Staates unbegreiflich finden. Aber man kann es auch anders sehen. Alfons Goppel, der bayerische Ministerpräsident, der wie kein anderer Landesfürst ein Magnet für wärme- und schutzbedürftige Menschen ist, sagt: „Der moderne Staat ist ein so mit Vorschriften, Regeln und Gesetzen ausgestattetes Instrument, daß seine Träger dahinter verschwinden. Nach meiner Meinung darf der Staat dem Bürger aber nicht nur als Apparat gegenübertreten. Mein Bestreben ist, daß er sich lebendig darzustellen weiß. Das zu tun, ist mir eine Freude, das halte ich aber auch für meine Pflicht.“

Karl der Große und Kabel