Dieses Buch müßte ein Bestseller werden, denn eine aufregendere Lektüre für heutige Mallorca-Touristen kann ich mir nicht vorstellen. Der Gedanke ist phantastisch: Am Massenstrand von Arenal lesen Zehntausende von deutschen Pauschalurlaubern des Jahres 1975 wie George Sand vor 137 Jahren, nämlich im Jahre 1838, als eine der ersten Mallorca-Touristinnen die Insel erlebte. Staunend betrachten sie die Lithographien von Joseph-Bonaventura Laurens, der ein Jahr später, als erster Künstler-Tourist Mallorca entdeckte. Ihrer beider Impressionen enthält dieses Buch:

George Sand, "Ein Winter auf Mallorca", herausgegeben und ins Deutsche übertragen von Ulrich C. A. Krebs, 40 Illustrationen, 260 Seiten, Societäts-Verlag, Frankfurt, 1830 Mark.

Wahrscheinlich verdanken wir den vorliegenden Mallorca-Bericht einem Zufall. George Sand, Journalistin und Romanautorin, in der Pariser Gesellschaft wohlgelitten, mit Balzac, Berlioz, Chopin und Delacroix befreundet, suchte für ein paar Monate Ruhe und Einsamkeit. Der Arzt hatte einen Klimawechsel angeraten, so machte sie sich mit Frédéric Chopin auf den Weg. Um den Pariser Klatsch nicht noch mehr anzuheizen, fuhr man zunächst getrennt. Zwei Wochen dauerte die erste Etappe mit Postkutsche und Schiff bis Barcelona, 18 Stunden dann die Überfahrt nach Palma.

Der Inselaufenthalt ist eine nicht endenwollende Kette von Unannehmlichkeiten und Widrigkeiten: Kein Hotel in Palma, später nur ein teures und ungastliches Haus auf dem Lande, Ärger mit den Einwohnern, die die freizügig lebende Dichterin mit scheelen Augen betrachteten, später ein Umzug in ein anderes Quartier.

Und doch wird zwischen dem Ärger über mangelnden Komfort und dem Zorn über die Mallorkiner auch ein wenig von der unberührten Landschaft der Baleareninsel deutlich, können wir das einfache Leben von verwöhnten Großstädtern in einer ihnen ungewohnten Welt belustigt verfolgen. Reisen war auch damals ein Abenteuer besonderer Art.

George Sands Mallorca-Reise ist indessen nicht nur von historischem Wert. Viele ihrer Betrachtungen sind ganz aktuell. So schreibt sie beispielsweise über den Sinn des Reisens und fragt: "Aus welchem Grunde unternehmen Sie eine Reise?" Die Antwort könnte von heute sein: "Der Grund ist, daß wiruns heutzutage nirgends wirklich wohl fühlen und daß von allen Gesichtern, die das Ideal – oder wenn Ihnen das Wort nicht paßt, die Sehnsucht nach dem Besseren – aufsetzt, das Gesicht der Reise am reizendsten lächelt, dabei aber auch am trügerischsten." Ferdinand Ranft