Bonn, im Februar

Als Frau habe ich zum Jahr der Frau ein ähnliches Verhältnis wie zum Muttertag: Dieser nützt fraglos den Blumenhändlern, Pralinenherstellern, Schürzenfabrikanten und Elektrofirmen – und das Jahr der Frau?

An der Emanzipationsfront herrscht heute Ruhe. Dies trotz der jetzt wieder beginnenden Diskussion um Paragraph 218, nachdem die Bundesverfassungsrichter offensichtlich die Fristenregelung verworfen haben. Diese neuerliche Diskussion kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß nach dem ersten großen Aufschwung ein Rückschlag eingesetzt hat. Die erhofften grundsätzlichen Reformen zugunsten der Frauen sind vorsichtigen Anpassungsreformen gewichen. Jetzt heißt das neue Schlagwort: Wie realistisch sind Reformen? Die Grenzen des Wachstums gelten auch für die Frau.

Da gab es vor zwei Jahren – vom Deutschen Gewerkschaftsbund veranstaltet – das „Jahr der Arbeitnehmerin“. Da gab es ferner vor etlichen Monaten in Berlin einen Weltkongreß der Kirchen zum Thema „Sexismus“. Da gab es schließlich im Oktober und November 1974 beachtliche Fachkonferenzen der beiden großen Parteien zum Thema „Familie“. Und nun: Jahr der Frau! Hat sich das öffentliche Bewußtsein etwa verändert? Sind nicht vielmehr alle bisherigen Bemühungen an den Frauen vorbeigerauscht ohne die bestehenden Abhängigkeits- und Machtverhältnisse auch nur anzutasten?

Mich interessiert an diesem UN-Jahr vor allem die Frage, ob die Chancen der Frau in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur deshalb verbessert wurden, weil ganz allgemein eine Verbesserung der Lebenschancen eingetreten war. Den Arbeitern geht es heute ja nicht etwa deshalb besser, weil wir zuungunsten der Unternehmer „umverteilt“ hätten; sie partizipierten am Zugewinn. Ist es bei den Frauen nicht ebenso?