Von Marietta niederer

Paris, im Februar

Ein Wunder ist geschehen. Die Haute Couture hat für den kommenden Sommer nicht nur alle Oberweiten reduziert, sie bestimmt auch zum erstenmal wieder wegweisend eine Richtung: Die Mode wird schlank. Der T-Linie, vom Tuben-Look bis zum hautengen Futteral als Extrem, gehört die Zukunft. Allerdings: eine gebändigte Weite bringt noch genügend Bewegung in die langen Röcke.

Was jetzt geschehen ist, wird erst zum nächsten Winter zum Tragen kommen und braucht die Trägerinnen von Glockenröcken vorerst nicht auf die Palme zu treiben. Die Sommermode bleibt weit. Auch die Boutique-Mode der Haute Couture lockt mit Schwingendem. Nur Privatkundinnen der Haute Couture oder eilige Modefans werden sofort Bestellungen auf Maß geben, um vom Hemd ins Futteral zu schlüpfen.

Wie man von einer Minute zur anderen wie von gestern aussehen kann, mußten die Kundinnen von Yves Saint Laurent am eigenen Leib erfahren. Einige von ihnen kamen im „Chemise naive“ seiner letzten Kollektion zur Schau. Sie mußten sich nach der Vorführung völlig „out“ vorgekommen sein. Denn Saint Laurent hat Naives, Weites und Folklore vollkommen aus seinem Programm gestrichen und die Standardbekleidung unserer Epoche wie: Overall, Polohemd, T-Shirt, Blazer, Cardigan, Rock und Hosen zu seinen Stars gemacht. Erreicht hat er das mit einem neuen, schweren Seidenjersey in Unifarben, der mit einem zentimeterbreiten Streifenstoff gleichen Materials kombiniert wird. Die neue Linie wirkt schnurgerade, aber Schnitt und schlaue Abnäher in Röcken geben genügend Weite, und gerade Schultern sorgen für Rasse. Hier blust nichts mehr. Ärmellose T-Shirts sind längs- oder quergestreift, und gestreifte Polokleider werden noch schlanker durch dunkle unifarbene Blenden entlang der Knopfleiste.

Saint Laurent läßt den Frauen die Hosen. Sein neuester Anzug ist durchgehend und läuft als Jumpsu’t aus reinseidenem Jersey auch für den Abend durch die Kollektion. Dann wird er von einer losen, weiten Jacke begleitet, und eine Blume steckt im Nackenknoten. Die Hosenensembles für den Tag haben elegant auszusehen. Saloppes gilt nichts mehr. Ihre Farben sind Schwarz, Marine, Tabak, Havanna, Schieferblau und Elfenbein. Die Spangenschuhe sind zierlicher geworden mit acht Zentimeter hohen Absätzen und werden hier zur Tagesmode mit dunklen Strümpfen gezeigt. Hüte haben runde Köpfe mit kleinen, heruntergeklappten Krempen und sitzen auf glatten Pagenköpfen. Als Schmuck gab es lange schwarze Seidenkordeln mit Fransenabschluß, unterbrochen von Goldspangen zwischen roten und grünen Steinen, die unerwartet farbige Akzente setzen.

Ungaro hat sein Programm total umgestürzt und alle Mannequins ausgewechselt. Er, der schon in der letzten Saison die T-Linie zeigte, bleibt ihr treu. Er kürzte die Röcke so, daß das Knie im Freien ist. Eine herbe Ensemblemode und Ende der dekorativen Kombinationsmuster. Multistreifen auch hier, aber längs genommen und in stumpfen Farben. Eine trotzige Kollektion, die nur bildschönen Frauen steht.