Wenn man alt wird, fallen allmählich die Zähne aus, die Sehfähigkeit läßt nach, die Haut wird schlaff, und das Gehirn will nicht mehr so recht mitmachen. Dieser allgemeinen Vorstellung von natürlichen Alterserscheinungen widerspricht die amerikanische Psychiaterin Dr. Lissy Jarvik von der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) in einem Punkt: Mögen die von Stoffwechseländerungen herrührenden Symptome an Haut, Muskeln und Drüsen tatsächlich stimmen, eine altersbedingte Minderung der geistigen Fähigkeiten gibt es nicht, erklärt die Seelenärztin, und sie beruft sich dabei auf die Resultate eines Experiments.

Für ihre Untersuchung wählte Doktor Jarvik 136 eineiige Zwillingspaare aus, um genetische Einflüsse auf das Resultat weitgehend auszuschalten. Die Probanden waren alle über sechzig Jahre alt. Sie mußten zunächst eine Reihe psychiatrischer und psychologischer Tests absolvieren. Von allen 272 Versuchspersonen wurde außerdem – so genau es ging – eine vollständige Lebensgeschichte aufgezeichnet, wobei die Bildung, geistige Tätigkeiten und intellektuelle Interessen besonders berücksichtigt wurden.

Den Psychotests unterzogen sich die Zwillingspaare fortlaufend im Abstand kurzer Zeiträume. Mit fortschreitendem Alter, in den 70er und 80er Lebensjahren, brauchten die Getesteten zwar zunehmend mehr Zeit, um bestimmte geistige Leistungen zu erbringen. Doch wenn man sie hinreichend lange gewähren ließ, zeigten auch die Achtzigjährigen mit ihren Problemlösungen die gleichen geistigen Fähigkeiten, die sie als Sechzigjährige schon beherrscht hatten.

Im Laufe ihrer Untersuchung konnte die kalifornische Psychiaterin ein zweites Vorurteil, das oft gegen alte Menschen gehegt wird, ausräumen. Außer einem Abbau des Intellekts, so galt allgemein, würden die Alten allmählich die Fähigkeit verlieren, sich Ereignisabläufe und Zusammenhänge zu merken. Der oft zitierte Gedächtnisschwund alter Menschen hängt aber, so Dr. Jarvik, mit ungünstigen Lernbedingungen zusammen. Wenn alte Menschen in störungsfreier Laboratmosphäre etwa Zahlen lernen oder logische Zusammenhänge erfassen, so speichern sie die ererlernten Dinge genauso gut und genauso schlecht wie junge Menschen.

Daß es häufig dennoch zu Gedächtnisschwächen kommt, hängt, wie die UCLA-Psychiaterin meint, nicht mit verminderter Hirnleistung zusammen. Vielmehr beruhen blasse Erinnerungen auf Hörschwierigkeiten, Sehschwäche, Unaufmerksamkeit oder darauf, daß ein zu schnelles Lerntempo gefordert wird.

Auch die sogenannte geistige Verwirrung, die bei älteren Menschen oft konstatiert wird, ist nicht auf nachlassende Fähigkeit der Gehirnzellen zurückzuführen, sondern häufig ein Symptom einer tiefsitzenden Depression. Durch geeignete Medikamente und Psychotherapie könne es schnell ausgeräumt werden, wobei die fälschlich diagnostizierte geistige Verwirrung auch verschwinde.

Das alles gilt freilich nicht in den Fällen, in denen krankhafte Gefäßveränderungen (Arteriosklerose) allmählich die Durchblutung des Gehirns herabsetzen und schließlich zur Verödung von Nervenzellen führen. Gerade diese naturgemäß im Alter zunehmend häufig auftretende Krankheit hat dazu beigetragen, daß wir geneigt sind, ganz allgemein nachlassende geistige Fähigkeit als typische Alterserscheinung hinzunehmen. Dies ist, wie Lissy Jarvik betont, ein Trugschluß, freilich einer, der unser Verhalten gegenüber Greisen sehr weitgehend bestimmt und uns häufig dazu verleitet, alte Menschen wie kleine Kinder zu behandeln. In solche Rolle gedrängt und wegen der erschwerten Möglichkeit, visuelle und akustische Signale aufzunehmen, vereinsamt, gibt der alte Mensch in der Regel alsbald seinen’ Widerstand gegen die unwürdige Behandlung auf und paßt sich der Rolle, die von ihm erwartet wird, an.