Der nächste Tarifkonflikt wird heute bereits programmiert

Natürlich wäre es unsinnig, wenn die Metallarbeiter an Rhein und Ruhr jetzt streiken würden. Dem erhofften Wirtschaftsaufschwung wäre damit nicht gedient; manchem Unternehmer käme ein Streik wohl gerade recht als eine von der Gewerkschaft verordnete Kurzarbeit.

Glaubt man den Demoskopen, so finden es 87 Prozent der Arbeitnehmer gegenwärtig nicht richtig zu streiken. Und die 186 000 Arbeitslosen, die sich mit zwei Dritteln ihres Nettolohnes begnügen müssen, sowie die 545 000 Kurzarbeiter der Metallindustrie werden wahrscheinlich auch andere Sorgen haben. Dennoch: Für die Haltung der Industriegewerkschaft Metall muß man Verständnis haben. Auch und gerade in einer Krisensituation muß man die Spielregeln einhalten, die sich für das Aushandeln von Löhnen und Gehältern herausgebildet haben – es sei denn, man will das ganze System ad absurdum führen.

Die Gewerkschaft ging also – von ihren Mitgliedern hierzu beauftragt – mit einer Forderung nach rund elf Prozent Lohnerhöhung in die Verhandlungen, wohl wissend, daß dies keine ultimative Forderung sein kann, sondern nur Ausgangspunkt für Verhandlungen. Die Arbeitgeber setzten dem das Angebot von sechs Prozent Lohnerhöhung entgegen – ultimativ.

Schon beim ersten Verhandlungstermin, der gewöhnlich nur dem gegenseitigen Abtasten dient, erklärten die Arbeitgeber in Nordrhein-Westfalen die Verhandlungen für gescheitert, weil die Metallarbeiter den sechs Prozent nicht zustimmten. Und zu dem Schlichtungsvorschlag, der sieben Prozent Lohnerhöhung vorsah, sagten sie nein, obwohl er nur einen Prozentpunkt über dem Angebot lag, während die Gewerkschaft ja sagte, obwohl er um vier Prozentpunkte unter der Forderung lag. Wen wundert es bei so viel Starrheit und Verhandlungsunwilligkeit, daß die IG Metall von „Lohndiktat“ spricht?

Möglich, daß die Vertragsparteien noch einen Kompromiß finden, wenn sie weiter miteinander sprechen, nachdem die IG Metall bisher darauf verzichtet hat, die Automatik von Urabstimmung und Arbeitskampf in Gang zu setzen. Möglich, daß man sich auf einen Übergangsvertrag mit kürzerer Laufzeit einigt. Möglich auch, daß die Gewerkschaft zähneknirschend einen Tarifvertrag mit weniger als sieben Prozent unterschreibt.

In jedem Fall jedoch ist der Konflikt für die Zukunft vorprogrammiert.