Zu „Fortschritt in Freiheit

Von Horst Ehmke

Kurt Biedenkopf, als Autor rechtswissenschaftlicher Abhandlungen wohlbekannt und angesehen, legt hier als CDU-Generalsekretär sein erstes politisches Buch vor:

„Fortschritt in Freiheit. Strategie für eine freie Gesellschaft“; R. Piper Verlag, München 1974; 238 S., 25,– DM.

Sollte es zu dem Zweck veröffentlicht worden sein, Biedenkopf als allround-Politiker vorzustellen und ihn als theoretischen Anreger der CDU auszuweisen, so hat das Buch sein Ziel verfehlt. Denn es behandelt zwar eine große Reihe von politischen Fragen, tut dies aber in einer recht eklektizistischen und oberflächlichen Weise. Zur Analyse der Probleme, vor denen unser Land steht, trägt das Buch wenig Neues bei. Sein Beitrag zur Verständigung über die richtigen Maßstäbe unseres politischen Handelns geht in gleichzeitiger parteipolitischer Polemik unter. Eine politische Konzeption, wie wir mit unseren Probieren, fertig werden können, wird nicht einmal skizziert. Dementsprechend finden sich „Umrisse einer Strategie“ zur Durchsetzung einer solchen Konzeption auch nur im Untertitel des Buches. Der in der Einleitung des Bandes erhobene Anspruch auf Deutung unserer Zeit steht zu dem dann Dargebotenen in-einem Mißverhältnis, das nicht der Komik entbehrt. Ein Parteifreund des CDU-Generalsekretärs hat das Buch daher rundheraus als Enttäuschung bezeichnet (Ludolf Herrmann, Deutsche Zeitung vom 27. 12. 1974).

In den Schwächen des Buches mag man Schwächen des Autors sehen oder aber ein Ergebnis der Tatsache, daß es nach nur sehr kurzer politischer Erfahrung zu schnell geschrieben worden ist. Wichtiger scheint mir zu sein, daß die Schwächen des Buches zu einem großen Teil in dessen taktischer Anlage begründet sind. Davon soll hier die Rede sein.

Das Buch dient, wie auch viele Reden und Vorträge von Biedenkopf, dem Versuch, der CDU zu einem ‚geistig-politischen Profil zu verhelfen, indem man der Sozialdemokratie das ihre zu nehmen versucht. Biedenkopf betreibt eine „Doppelstrategie“ im landläufigen taktischen Sinne des Wortes: eine Operation geht in Richtung auf die alte CDU, die CDU vor Biedenkopfs Zeit, die andere in Richtung auf die SPD.