Von Rudolf Walter Leonhardt

Von zehn jungen Westdeutschen, die mit dem Abitur "Hochschulreife" zugesichert bekommen, können heute nur vier auf einen Studienplatz ihrer Wahl, nur sieben überhaupt auf einen Studienplatz hoffen. Und morgen wird es noch schlechter aussehen. Das müßte nicht so sein, wenn in der Bundesrepublik nicht länger studiert würde als in jedem anderen Land zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Drei bis vier Jahre Hochschulstudium sind überall die Regel. Wir haben mit sechs bis sieben Jahren nicht nur die längste "Verweildauer" an den Universitäten, sondern mit dreizehn Schuljahren auch die längste Vorbildungszeit. Diesen volkswirtschaftlich unvertretbaren und bildungspolitisch nicht erkennbar nützlichen Luxus sollten wir uns nicht länger leisten.

Dabei ist es nachweisbar möglich, in drei Jahren in allen Fächern ein Grundstudium zu absolvieren, mit dem sich in acht von zehn Fällen arbeiten, auf das sich in den restlichen zwei Fällen sinnvoll aufbauen läßt.

Bei den "restlichen" Fällen ist zum Beispiel an die Medizin gedacht. Der Mediziner (medizinisch-technische Assistent, Therapeut) mit Grundausbildung fehlt uns schon lange. "Aufbau"-Studien für Ärzte, für Fachärzte und für Forscher gibt es anderswo längst, warum nicht bei uns? Aber auch in allen anderen Wissenschaften muß natürlich die Möglichkeit, in begründeten Fällen länger zu studieren, offen bleiben.

Überhaupt muß bei diesem "Grundstudium" immer daran gedacht werden, daß es auch als Basis brauchbar sein muß für darauf Aufzubauendes (daher der Name "Grund"studium). "Inhaltliche Studienreform" bedeutet nicht nur, notwendige Veränderungen zu finden, sondern auch mit der Vorstellung zu brechen, eine einmal bestandene Prüfung gewähre lebenslanges Anrecht auf höhere Bezahlung. Wer mehr leisten will, muß mehr lernen, muß fünf, sieben, zehn Jahre lang studieren können. Dies aber kann nicht der Regelfall, es sollte die Ausnahme sein. Und ein großer Teil jener Weiterbildung braucht nicht die Universitäten zu belasten, sondern ließe sich in Ferienkursen und Fernstudien organisieren.

Man bewegt sich hier auf einem Boden, wo selbst die leichte Bewegung eines Engels ein Erdbeben verursachen kann, where angels fear to tread. Die ganze educational class (Dahrendorf), vom Erstsemester bis zum Emeritus, empört sich, so solidarisch wie sonst leider nur selten, gegen Verletzung ihres (meiner Ansicht nach mißverstandenen) Gruppeninteresses.

Es sei daher im folgenden nicht mehr vom Studieren im allgemeinen die Rede, sondern vom Lehrerstudium – das immerhin ein gutes Drittel aller Studienplätze an unseren Universitäten beansprucht.