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Von Manfred Sack

Dresden, im Februar

Die Phantasie sträubt sich lange zu begreifen, was die Statistik ihr an Fakten so scheinbar plausibel unterbreitet. Doch selbst die Augen sind erst ganz allmählich imstande zu erfassen, was die Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945, nur zweieinhalb Monate vor dem Ende des schon verlorenen Krieges, in Dresden angerichtet hat.

Die beiden kurz aufeinander folgenden Angriffe hatten zusammen nicht einmal eine Stunde gedauert. Gleichwohl war den 1350 britischen und amerikanischen Kampfflugzeugen mit gut seiner halben Million Bomben aller teuflischen Sorten die gründlichste und überflüssigste Zerstörung gelungen, die bis dahin jemals einer Stadt widerfahren war (ein Rekord, der ein halbes Jahr später mit der gleichen Wut in Hiroshima gebrochen wurde). In exakt 56 Minuten war das alte Dresden, bei dessen Nennung die Schwärmereien aufflatterten wie Taubenschwärme beim Händeklatschen, so gut wie vernichtet: 35 000 Menschen tot; fünfzehn Quadratkilometer Stadt mitsamt dem ganzen Zentrum gänzlich zerstört; 85 Prozent aller Gebäude und 86 000 Wohnungen in Trümmern, dazu Straßen und Wege so lang wie von Hannover bis Dresden und tausend Kilometer Gas- und Wasserleitungen. Als die Stadt nach acht Jahren enttrümmert war, hätte man mit den achtzehn Millionen Kubikmetern Schutt einen fußballfeldgroßen Pfeiler von zweieinhalb Kilometern Höhe auftürmen können.

Nur ein Kalenderblatt

Man schüttete damit Elbwiesen auf und häufte ihn weiter draußen zu zwei Hügeln – kaum noch identifizierbar, wie von der Natur verschluckt, selber zu Natur geworden wie diese eine Nachtstunde zu Geschichte, die man nun in der Schule erst wieder auswendig lernen muß und die in der Erinnerung der Zeugen immer blasser wird: ein Kalenderblatt, nichts weiter. Die Staatsoperette spielt am dreizehnten "My fair Lady", die Kammerspiele geben "Die Millionärin", das Schauspiel "Die Jungfrau von Orleans". Nur die Nationale Front legt morgens um 9 Uhr Kränze vor den siebzehn Elbsandsteinquadern des Mahnmals auf dem Heidefriedhof nieder, danach hat der Oberbürgermeister die Stadtverordneten zur Gedenksitzung einberufen, im Jugendcafé "Festival" wollen am Sonnabend "Aktivisten der ersten Stunde" vom Wiederaufbau und der "weiteren Entwicklung unserer sozialistischen Großstadt" berichten. Die aufs Datum fixierte Erinnerung ereignet sich nur noch offiziell und dementsprechend angestrengt – wie auch anders. Selbst dem Pressereferenten im Rathaus erlaubte seine treuherzige Einfalt lange Zeit nur anzunehmen, ich sei gekommen, um westdeutsche Touristen für seine berühmte Stadt zu animieren.

Was dies betrifft, so hat es Dresden auch heute nicht schwer, seine Exklusivität zu preisen und die Gefühle seiner Besucher aufzuwühlen mit den seltsamen Extremen seiner Wirklichkeit. Und die hat eigentlich erst recht begonnen, nachdem enttrümmert und repariert worden war, 1953, als der Vorsatz proklamiert wurde, Dresden "zur sozialistischen Großstadt umzugestalten".

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Eigentlich war die Idee damals gar nicht so schlecht, die unvorstellbar kahlgeschorene Stadt nicht wieder in das historische winklige Straßensystem zu pferchen, sondern die Leere als eine Chance zu begreifen. Nur wird, wer die stehengebliebenen Viertel etwa der Neustadt durchstreift, sich fragen, warum er sich hier in den mühsam geflickten Straßen und Gassen wohler fühlt als auf den windigen neuen Prachtstraßen, die nur noch in Oberweiten produziert werden, ob im repräsentativen Touristenkarree der Prager Straße oder im neuen Siedlungsgebiet der Johannstadt. Und auf dem Territorium der Altstadt am Elbbogen, wo die Prachtexemplare der Baugeschichte wie seltene Wundertiere eines Stil-Zoos, die sich in der Gefangenschaft nicht vermehren, gepflegt werden, erfährt man, um wieviel interessanter, abwechslungsreicher, geduldiger man damals, vor ein-, zweihundert Jahren, Plätze zu formen und Architektur dazu zu formulieren verstanden hatte und wie schwer es offensichtlich geworden ist, frei von allen Grundstückszwängen, aber unter Zeitdruck so einen Fußgänger-Straßenplatz wie die Prager Straße großzügig und dennoch "menschlich" zu bemessen und zu gestalten. Was wunder auch – man kann schwerlich in zwei Jahrzehnten an Stadtbaukunst erfinden, was vorher in zwei Jahrhunderten "gewachsen" ist.

Das Problem, dem ich überall in Dresden begegnet bin (und natürlich nicht nur dort), ist allerdings der merkwürdige Hang, alles weiter, alles höher zu machen. Nicht nur findet das Auge schwerlich Halt, man merkt es ja auch in den Beinen, zum Beispiel, wenn man zwischen dem Restaurant "Bastei" am einen und der ungarischen Gaststätte "Szeged" am anderen Ende der Prager Straße pendelt und sich schließlich nichts sehnlicher wünscht als einen Bockwurst-Stand, nur sogleich und hier. Was also die Bildbände beschönigend als großzügige Planung preisen, ist in Wahrheit bloß großspurig, ungefüge, ungemütlich, eine Spielart sozialistischen Pomps und nicht zuletzt auch Ergebnis der industriellen Produktionsweise von Gebäuden.

Alle Gegensätze städtebaulicher Denkweisen, die Dresden darbietet, sind nun gewissermaßen Etappen seines Aufbaus seit 1953. Und man hat es einigermaßen leicht, sie zu erkennen, weil sie allesamt aufgereiht sind an einer der drei Magistralen, die die Innenstadt gliedern, eine Art Haupt-Ereignis-Achsen, deren erste die Elbe darstellt und die nicht zuletzt deshalb Anlaß gegeben hat, hier eine der schönsten Silhouetten der Welt zu erfinden; die zweite durchquert die Stadt von Ost nach West und wird im Zentrum dargestellt durch die Ernst-Thälmann-Straße; sie kreuzt sich mit der dritten, von Süden nach Norden führenden Magistrale auf dem Altmarkt und macht ihn damit zum Mittelpunkt Dresdens: Er ist auch der Aufmarschplatz für Massendemonstrationen, dieThälmannstraße die Vorbeimarschstraße. Wichtigste Magistrale ist die Süd-Nord-Achse, denn an ihr sind die vier interessantesten Viertel aufgereiht, ein jedes anders – schon deswegen, weil jedes einen anderen Ursprung hat, eine andere Entwicklung genommen und eine andere "Erlebnissphäre" bildet. Am einfachsten erklärt es sich in der geographischen Reihenfolge.

Erstes Viertel ist, gleich am Hauptbahnhof von einem klobigen Lenindenkmal dröhnend eingeläutet, die Prager Straße, von der es heißt, sie sei der Stolz der Stadt, ein reines Produkt der Gegenwart, entstanden auf dem zertrümmerten, abgeräumten freien Feld zwischen Bahnhof und Rathaus. Früher war die Prager Straße einer der elegantesten Einkaufs-Boulevards Europas, heute ist sie einer der weitläufigsten Straßenplätze von ermüdender Monumentalität, auf der einen Seite flankiert vom längsten Wohnblock Dresdens, auf der anderen von drei quergestellten Hotels, die alle einander zum Verwechseln ähnlich sind und auch verwechselt werden; Es verlangte ein Gast seinen Zimmerschlüssel und bemerkte einen Fremden im Bett, das nicht das seine war. Am Anfang gibt es noch ein Hotel, am anderen Ende ein Rundkino von aufdringlich kunstgewerblicher Fassade und – noch im Bau – eins der üblichen Centrum-Kaufhäuser, eine Art von DDR-Horten, weil ähnlich scheußlich eingepackt in ein konfektioniertes Fassadendekor. Und in der Mitte finden sich, wie in den Erdgeschossen, noch Läden, ein Café, und Brunnen sollen das Bedürfnis nach Kunst und Spielerei stillen.

Freilich erkennt man unschwer die Anregungen dieses Bau-Einfalls, Man findet sie in Moskau ebenso wie in Warschau. Die Prager Straße ist beherrscht von der städtebaulichen Syntax, wie sie überall in sozialistischen Ländern gepflegt wird.

Altmarkt: Kultur und Politik

Noch Norden hin bildet der breite Rasenstreifen, den der ehemalige Festungswall nahegelegt hat, mehr einen Trenn- als einen Verbindungsstreifen vom Touristenviertel zum nächsten Erlebnisbereich, der von Politik und Kultur bestimmt ist: zum Altmarkt-Viertel. Man spürt das frühe nationale Pathos der fünfziger Jahre, das sich. seine architektonischen Anregungen nicht vom Bauhaus und seinesgleichen holte, sondern aus dem frühen 19. Jahrhundert. In Berlin entstand damals Henselmanns Stalinallee im vielgelästerten stalinschen Zuckerbäckerstil, am Dresdner Altmarkt entstand gegenüber der wiederaufgebauten Kreuzkirche (und nicht weit vom Rathaus) eine hohe Häuserzeile, deren barockes Vorbild vom Neustädter Platz auf der anderen Elbseite beinahe wörtlich zitiert wird: halbrunde Giebel, maßvolle Fenstergesimse, Arkadengänge; daß davon heute eine gewisse gemütliche Anmut ausgeht, liegt wohl am Gegensatz, wie ihn die Brachial-Moderne der Prager Straße darstellt. An der Nordseite, noch jenseits der hier vorüberführenden Thälmannstraße, steht dann der Kulturpalast, ein etwa rechteckiger flacher Bau, sehr schön proportioniert, das beste, was die zeitgenössische Architektur bisher in Dresden hervorgebracht hat. Übrigens winden sich in diesem Viertel noch viele Fußwege zwischen städtischhohen Gebäuden hindurch, die mit ihren Winkeln eine überraschende Intimität verbreiten.

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Gleich hinter dem Kulturpalast beginnt dann das dritte Viertel der Süd-Nord-Magistrale: Es ist das Dresden Augusts des Starken und seiner Sippe und das des Grafen Brühl. Es ist geduldig, sehr genau, für unerhört viel Geld restauriert und rekonstruiert worden. Der Zwinger steht längst wieder mitsamt der ihn abschließenden Gemäldegalerie vom Baumeister Gottfried Semper; dessen Opernhaus daneben ist außen vollendet, die Hofkirche fast fertig und das Georgentor auch, das Schloß steht auf der ferneren Liste des Wiederaufbaus wie die Stallhofarkaden und anderes. Der Stadtarchitekt geht mit diesem Terrain außerordentlich behutsam um; seine Pläne sind historisch fundiert und hinreißend in ihrer Logik – fast möchte man dankbar sein für den Entschluß, die Frauenkirche als Ruine zu erhalten auf diesem Platz.

Das vierte Viertel, jenseits der Elbe, ist die Neustadt, und hier äußert sich nun das gleichsam jüngste städtebauliche Credo, etwa zusammenfaßbar in dem Begriff der Modernisierung, auf DDR-deutsch: Werterhaltung. Die Erneuerung wird den barocken Stadtgrundriß mit seinen radial in den heutigen Platz der Einheit mündenden Straßen respektieren, aber auch so alte Straßen wie die Rähnitzgasse mit ihren wunderschönen spätbarocken und klassizistischen Miethäusern. Was wie ein Ulk der Geschichte wirkt, ist fast von symbolischer Wirkung: Die Magistrale fängt am Hauptbahnhof an mit dem Lenindenkmal aus bräunlichem Sandstein – sie geht ihrem Ende zu mit dem alten Standbild des starken August, der mit seinem Pferd eine Levade macht, um und um vergoldet und inmitten eines Aufbaugebiets wie eine leuchtende Hoffnung.

Der sensibelste Bestandteil des alten – und nunmehr erneuerten – barocken Stadtplans ist hier eine Allee, und sie wird Allee bleiben; mit Bäumen bepflanzt werden, nur für Fußgänger erlaubt – ebenso wie die Prager Straße, ebenso wie viele Straßen und Gassen rund um Alt- und Neumarkt: Das ist eins der Prinzipien des Dresdner Städtebaus, demzufolge mitten in der Stadt gewohnt und der Autoverkehr an den Rand gelegt wird. Zu den Traumzielen gehört dann so etwas wie eine noch weiter hinaus verlegte Stadt-Autobahn für den Transitverkehr.

Zu den Ordnungsvorstellungen gehört freilich auch die eigentlich überholte Lust, einen Stadt-"Raum" durch Dominanten, sprich exorbitant hohen Hochhäusern weithin erkennbar zu markieren – das ist nichts als eine Verlegenheitslösung von Städtebauern, die Orientierung auf andere Weise nicht zuwege bringen.

Aber besonders heftig trifft einen die Ernüchterung dort, wo Massenwohnungsbau betrieben wird, zum Beispiel in der im Februar 1945 fast ganz zerstörten Johannstadt am Ostrand der City, oder bald in der für 10 000 Menschen projektierten Siedlung Prohlis oder in der für 40 000 in Gorbitz. Zwar hat jeder Mieter Anspruch auf die "gesellschaftliche Grundausstattung", die stets gleichzeitig mitgebaut wird, auf Straße, Abstellplatz, Grün, Kindergarten, Kaufhalle, Gaststätte, Ambulatorium, Annahmestellen für Reparaturen und so weiter. Doch dafür hat er eine unsäglich monotone Architektur in Kauf zu nehmen, die lediglich Folge der Produktionsmethode ist, die wiederum bedingt ist durch die Preis-"Normative" pro Wohnung: Die Architektur bestimmt der Kran, der die Großplatten montiert. Das ist kein Dresdner, sondern ein DDR-Problem, mit dem verglichen das Märkische Viertel plötzlich Liebreiz zu entwickeln beginnt. Und es ist ein Problem jedes industrialisierten Bauens, das den einst sozial fortschrittlich gedachten Funktionalismus am Ende aller ästhetischen Regungen entledigt hat. Die Bundesrepublik steht um kaum einen Deut besser da als die DDR.

Genormte Welt, lila Lämpchen

Selbst eine so genormte Umwelt kann nicht das elementare Bedürfnis nach individueller Ausdrucksweise unterdrücken. Und wie überall in derlei eintönigen, hier obendrein monumentalen Kisten mit ihrer einheitlich armseligen Plastizität entwickelt sich das Identifizierungsspiel auf dem Balkon: Backsteintapeten, Holzplattenverkleidungen, schmiedeeiserne Lämpchen mit gelben Rüschen oder lila Plissee, hängende Töpfe und Bambusarrangements – unauslöschliche ästhetische Spuren des 19. Jahrhunderts. Wundert es, wenn man nach einer Stunde Johannstadt dem trügerischen Charme einer Ruine erliegen möchte? Möglichst dem der Frauenkirche?

Bevor ich nach Dresden aufbrach, war mir bedeutet worden: diese Stadt im Süden der DDR sei anders als der kalt rechnende Norden, musischer, lebensfroher, auch lieblicher, und daß hier an den Hängen der Elbe Wein wächst (ein spröder, mit dem Gaumen erst zu erobernder), zeige doch auch Sinnenfreude an. Mag sein – vielleicht sind drei Tage wirklich zuwenig, um alles das wahrzunehmen. Nur: dies an den neuen Häusern und der Stadt abzulesen, ist beinahe schwieriger.