Der erfolgreichste Amateurboxer aller Zeiten, der Ungar László Papp, befindet sich wieder einmal in einer ungewöhnlichen Situation. Der dreimalige Olympiasieger und Profi-Europameister will nicht mehr als Cheftrainer seines Landes tätig sein, aber sein Rücktrittsgesuch muß von der ungarischen Sportführung erst akzeptiert werden.

Anfang der fünfziger Jahre hielten die Spitzenfunktionäre seinen Trainer Zsigmond Adler politisch für unzuverlässig und schikanierten den anerkannten Fachmann, wo sie nur konnten. Papp sagte daraufhin die Teilnahme an einer Europameisterschaft ab und setzte so der Diskriminierung ein Ende. Dafür mußte er sich bald selbst geschlagen geben. In den sechziger Jahren wurde aus Budapest ein Profi-WM-Kampf gegen den Nigerianer Dick Tiger in den USA verhindert. Zudem übte die Sportbehörde auf die Familie Papp einen solch massiven Druck aus, daß László keinen Ausweg mehr sah: Er beendete seine Karriere und kehrte aus dem Westen wieder nach Hause zurück. Doch all diese Vorkommnisse konnten seine Liebe zum Boxen nicht erschüttern. Als das Können der ungarischen Faustkämpfer merkbar nachließ, ertönte der Ruf nach ihm – und László Papp übernahm 1969 den Posten des Cheftrainers. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München erreichten drei ungarische Boxer das Finale und György Gedó gewann die Goldmedaille. Der Anstieg dauerte jedoch nicht lange, denn Papp stellte fest: „Schon zur Zeit der Europameisterschaften in Belgrad 1973 mußte ich erkennen, daß ich allein geblieben bin. Vergebens wartete ich auf Hilfe seitens der Vereinstrainer.“

Nach der Weltmeisterschaft in Havanna im letzten Jahr wollte Papp schon zurücktreten, doch er wurde damals gebeten, das Team noch auf eine Amerikareise zu begleiten. Während seiner Abwesenheit ereignete sich ein Vorfall, der ihn endgültig erschütterte. Vor dem Abflug ordnete der Cheftrainer an, den begabten Boxer Pém nicht für den Juniorenländerkampf gegen Polen aufzustellen, um ihn vor einer übermäßigen Inanspruchnahme zu schonen. Pém wurde trotzdem in den Ring geschickt und erlitt eine katastrophale Niederlage. Nun war das Maß voll, und Papp bat um die Entlassung.

Sein Fall ist typisch für die Verhältnisse im ungarischen Sport. Im Zuge der politischen Liberalisierung erhielten die einzelnen Vereine eine gewisse Freiheit. Der Wegfall der diktatorischen Maßnahmen brachte jedoch keine Aufwärtsentwicklung, im Gegenteil. Das Ergebnis ist bekannt: Der ungarische Sport, ob im Fußball, Boxen oder in der Leichtathletik, weist eine sinkende Tendenz auf. Die Zeiten, als zum Beispiel Ungarn bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki 16 Goldmedaillen gewann und damit drittbeste Nation hinter den USA und der UdSSR wurde, gehören der Vergangenheit an.

Papp muß aber auch erkennen, daß die Macht der Oberen nicht restlos erloschen ist. Auf eine einzelne Person ausgerichtet, ist sie heute noch entscheidend. Auf sein Rücktrittsschreiben erhielt er keine Antwort. Er muß wohl oder übel weitermachen. Daß die Leser des offiziellen Sportorgans „Népsport“ ihn just zu diesem Zeitpunkt zum besten ungarischen Sportler der vergangenen dreißig Jahre wählten, bleibt für László Papp nur ein schwacher Trost. Stefan Lazar