Nur stützen solche Zitate die sowjetische Drei-Staaten-Theorie keineswegs. West-Berlin ist kein dritter deutscher Staat, sondern nach dem Wortlaut des Grundgesetzes und der ständigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ein Land der Bundesrepublik. Allerdings kann dieser deutsche Wille auf Grund alliierter Vorbehalte einstweilen nicht verwirklicht werden, so daß West-Berlin – ähnlich wie Ost-Berlin – ein Rest des Deutschen Reiches bleibt, über dessen Nachkriegsschicksal nicht endgültig entschieden wurde.

Das beharrliche Drängen der Sowjets blockiert von vornherein auch eine Lösung des Staatsangehörigkeitsproblems. Mit der weltweiten Anerkennung der DDR gibt es in den Augen der meisten Staaten auch zwei deutsche Staatsangehörigkeiten. Diese Ansicht hat auch UN-Generalsekretär Waldheim bei seinem Besuch in Bonn. vertreten, als er sagte, jeder Staat sei "in seiner Art" unabhängig in den Vereinten Nationen vertreten, und das gelte selbstverständlich auch für die Staatsbürgerschaft.

Die einheitliche deutsche Staatsbürgerschaft, wie sie das Grundgesetz beschreibt, ist für ausländische Staaten mehr und mehr zur Fiktion geworden. Zwei deutsche Staaten und eine deutsche Staatsangehörigkeit – das erscheint inkonsequent, wie Professor Rumpf, Legationsrat im Bonner Außenministerium als seine "private Meinung" schrieb (wie das Auswärtige Amt betont). Diese Inkonsequenz, so Rumpf, sei wegen der besonderen Umstände der Rechtslage Deutschlands zwar völkerrechtlich zulässig, aber doch "neuer Regelungen bedürftig". Konsequent wäre es, die im Recht der Bundesrepublik bestehende Staatsangehörigkeit als Bundesangehörigkeit zu kennzeichnen und den bisherigen Inhabern der historischen Staatsangehörigkeit, also den "Deutschen im Sinne des Grundgesetzes, die Inländerbehandlung durch gesetzliche Normierung zuzubilligen. Das heißt, DDR-Flüchtlinge oder Umsiedler wären danach nicht mehr von vornherein, sondern erst mit ihrem Eintreffen in der Bundesrepublik auch deren Staatsbürger.

Eine solche Lösung muß aber am Berlin-Problem scheitern. Nur weil Bundesbürger und West-Berliner gleichermaßen Deutsche sind, ist die völlige und komplikationslose Freizügigkeit zwischen beiden: Gebieten und die weitgehende Gleichstellung möglich. In westlichen und neutralen Ländern werden Bundespässe von West-Berlinern anstandslos akzeptiert. In östlichen Staaten dagegen gelten Bundespässe von West-Berlinern nur mit einem besonderen Vermerk, der auf das Viermächteabkommen hinweist, und zwar auch nur zur Identifikation. Zur Erteilung eines Visums oder Transitvisums verlangen die östlichen Autoritäten den "behelfsmäßigen Personalausweis" der West-Berliner, der sich von den Dokumenten der Bundesbürger unterscheidet.

Für diese gesonderte Behandlung der West-Berliner kommt es indessen allein auf den Wohnsitz, nicht auf die Staatsangehörigkeit an. Auch im Berlin-Abkommen wird nicht von der "besonderen Gemeinschaft" der West-Berliner, sondern von "Personen mit ständigem Wohnsitz in den Westsektoren Berlins" gesprochen. Den ständigen Wohnsitz aber kann man leichter wechseln als die Staatszugehörigkeit.

Erhielten die Bundesbürger eine besondere Staatsangehörigkeit, ohne daß die West-Berliner einbezogen würden, dann wäre die Bevölkerung West-Berlins staatenlos – mit der Aussicht, eines Tages eine dritte deutsche Staatsbürgerschaft zugewiesen zu bekommen. Das ist nicht akzeptabel. Solange also die Sowjetunion West-Berlin in die Rolle des dritten deutschen Staates manövrieren will, ist die Schaffung einer besonderen Staatsangehörigkeit der Bundesrepublik ohnehin undenkbar. Eine Neuregelung, zu der sich der Bundestag vielleicht eines Tages bereitfinden könnte, wäre nur möglich, wenn die West-Berliner gleichberechtigte Bundesbürger würden – bei Berücksichtigung der alliierten Vorbehalte. Eine solche Lösung würde aber auf den Widerstand nicht nur der Sowjets, sondern wohl auch der Westmächte stoßen.