Von Andreas Kohlschütter

Phnom Penh, im Februar

In Pochentong, dem „internationalen“ Flughafen von Phnom Penh, landen außer der kein Risiko scheuenden „Air Cambodge“ zur Zeit nur noch Frachtflugzeuge: schwerbeladene amerikanische C-130, die aus Thailand Nachschub einfliegen, ausgediente DC-3-Chartermaschinen, angeheuert von obskuren Kriegsprofitunternehmen, die jetzt die Verbindung zu den eingeschlossenen Provinzhauptstädten aufrechterhalten. Die ausländischen Fluggesellschaften haben ihre Flüge eingestellt, seit sich die kommunistischen Aufständischen auf Pochentong eingeschossen haben und täglich mit neuer, beängstigender Präzision Dutzende von 107-Millimeter-Raketen auf das Flughafengelände niederprasseln lassen.

Wer Glück hat, der kann unter solchen Umständen ohne Visum und ohne jede Formalität nach Kambodscha einreisen. Dann nämlich, wenn unmittelbar nach der Landung Raketen einschlagen und alle um ihr Leben rennen: die schwitzenden, mit Handgepäck beladenen Passagiere, die barfüßigen Stewardessen, die ihre hochhackigen Schuhe in der Hand tragen, das behelmte Wartungspersonal, auch die Zöllner und die Polizisten, die alles stehen und liegen lassen. Kambodscha empfängt seine Gäste mit dramatischem Kriegslärm, mit Sirenengeheul von Ambulanzen und Feuerwehrwagen, dem Geknatter tieffliegender Helikopter, die das umliegende Gelände absuchen, mit dem Dröhnen startender Jagdbomber, die in Richtung der vermuteten kommunistischen Raketenstellungen abheben. Erst wenn der Spuk vorbei ist, bricht wieder das zutrauliche, alles wiedergutmachende Lächeln durch, das diesem sanftmütigen Bauernvolk noch immer nicht vergangen ist.

Im Vergleich zum hektischen Saigon ist Phnom Penh die verträumte Provinzkapitale aus der französischen Kolonialzeit geblieben. Aber der Schein der Normalität trügt. Über den alten Charme hat sich eine neue Schicht schwerlastender Traurigkeit gelegt. Unter der Oberfläche des so geruhsam wie eh und je dahinfließenden Alltags machen sich erschreckende Zerfallserscheinungen bemerkbar. Die Zersetzung der ohnehin nie solide verankerten sozialen und politischen Strukturen ist rasch fortgeschritten. Tiefe Einbrüche bedrohen das gesamte Lebensgefüge.

„Es wird immer schwieriger, die Realität der Dinge auszumachen“, muß selbst der Informationsminister zugeben. Ein anderer hoher Beamter wird deutlicher: „Wir stehen zum erstenmal seit dem Beginn des Krieges am Rande der Anarchie.“ Und der Leiter eines großen internationalen Hilfswerkes, der bisher zu den Durchhaltern und Optimisten gehörte, meinte deprimiert: „Kambodscha liegt in der Agonie.“

Die Wirtschaftslage und die Versorgung werden immer kritischer. Bei einer Teuerungsrate von über 250 Prozent im Jahr seit 1973 ist die bis dahin erträgliche Armut unerträglich geworden. Eine Schale Nudelsuppe kostete 1970, im ersten Kriegsjahr, noch vier Riel, heute 300; Weißbrot war damals zwei Riel wert, jetzt 100. Allein im vergangenen Jahr stieg. der Preis für den Sack Reis, den eine fünfköpfige Durchschnittsfamilie im Monat verzehrt, von 12 000 auf 30 000 Riel. Das ist doppelt soviel, wie ein Soldat verdient und übersteigt sogar das Monatsgehalt von Beamten, Lehrern und Universitätsprofessoren.