Von Heinrich Böll

Über dem peinlichen Streit um die Dissidenten, Emigranten, die vertriebenen Autoren, die von gewissen Leuten hier wie eine Beute vorgezeigt und herumgereicht werden, vergißt man leicht, daß sie selbst immer wieder die Oberflächlichkeit des westlichen Publicity-Geschäfts betonen. Schon ermüdet Gott sei Dank die Maschinerie der politischen Skalpjäger, und für die Autoren fängt die Arbeit an.

Was wird aus ihnen als Autoren? Werden, die drüben in der Sowjetunion auf ihren Untergang lauern, recht behalten? Werden die Skalpjäger ihr unverantwortliches Vernichtungswerk mit Erfolg fortsetzen? Wer von diesen interessiert sich ernsthaft für Literatur? Es wäre interessant, einmal eine Art Verhör anzustellen, was sie, die da lauthals triumphieren, wirklich gelesen haben, von Solschenizyn, Nekrassow, Maximow, Sinjawskij. Maximow sollte einmal den einen oder anderen Publizisten, Moderator oder Journalisten fragen, ob er „Die sieben Tage der Schöpfung“ oder „Quarantäne“ gelesen hat? Lieben die Skalpjäger Rußland wirklich so sehr, und wissen sie etwa, daß in Maximows „Quarantäne“ unter anderem eine – wie mir scheint – lebensgefährlich mystifizierende, symbolische Darstellung Stalins als notwendiger Gottesgeißel zu finden ist, und im Nachwort der Satz: „Die geistige Konzeption des Romans ergibt sich ganz und gar aus der prophetischen Hypothese der Slawophilen über die besondere Bestimmung Rußlands in der Weltgeschichte“

Es steht mir nicht zu, über diesen Satz zu richten oder auch nur zu streiten. Ich frage mich nur, ob es irgendeinen kalten, heißen oder lauen Krieger, irgendeinen ganz rechten oder rechtsliberalen Politiker auf dieser Welt gibt, der politisch in dieses Bekenntnis mit einstimmen möchte. Der Wunsch nach Erlösung ist stark in der Sowjetunion, aber ob man dort auch nur einen finden könnte, der durch die oberflächlich politisch polemisierenden „Erlöser“ hier erlöst werden möchte? Ich zweifle daran.

Russische Rundungen

Was man den Autoren wünschen möchte, ist die – bei aller Unterdrückung, Verfolgung, Belästigung – ungeheure Ruhe, die unsagbare, wunderbare, heilsame und heilende Ruhe, wie sie etwa aus Sinjawskijs Buch „Stimme aus dem Chor“ spricht, das jetzt in Swetlana Geiers Übersetzung bei Zsolnay in Wien erschienen ist (367 Seiten, 26 Mark). Dies ist kein Buch, das man lesen muß wie einen Roman, es ist ein Buch zum Blättern: vor und zurück und wieder vor und zurück. Es hat keine andere Handlung als diese Ruhe, und seit wann ist Ruhe – außer vielleicht bei Stifter – Handlung?

Das Buch ist wie eine Postille, und es wäre zu wünschen, daß auch die kalterhitzten Krieger einmal hineinschauten. Es ist Sinjawskijs Frau Maria gewidmet: „Es besteht fast zur Gänze aus den Briefen, die ich in den Jahren meiner Haft 1966–1971 an sie gesandt habe.“ Es besteht außerdem aus Meditationen über Kunst, Literatur, Religion, Geschichte, enthält (wahrscheinlich, weil Mitteilungen dieser Art für Briefschreiber und Empfänger zu gefährlich gewesen wären) kaum Andeutungen über die Haftbedingungen. Was sollten die Zensoren auch Gefährliches finden in kurzen, konzentrierten Essays über die Entwicklung des Romans, den Unterschied zwischen russischer und westeuropäischer Architektur, den Sinjawskij mit höchster Sensibilität an Hand des Materialunterschieds zwischen Holz und Stein behandelt? An Meditationen über das Runde in der russischen Architektur und das Spitze (Aggressive) etwa in der Gotik? Über das Innere russischer Kirchen, die nicht, wie die westeuropäischen, „Unendlichkeit, nicht Kosmos, nicht Sphärenharmonie, sondern vor allem Wärme, Schutz, Behagen“ bieten? Wer möchte da nicht etwas mitbekommen von diesem „russischen Gott“, der „am Herzen unter dem Hemd wohnt“? Der das „spitze“ Abendland (zu dem man selbst gehört, wie man bei der Lektüre feststellt) dauernd quälende Dualismus Form-Inhalt wird hier nicht nur an Literatur und Kunst abgehandelt, sondern auch an einer Definition von Dieben, die natürlich auch ihren künstlerischen Ehrgeiz haben. Betrachtungen über das Wesen der Kunst bestimmen den Charakter des Buches: „Deshalb wirken die Definitionen von Berufsästhetikern, die über Kunst zu Gericht sitzen und genau wissen, was sie ist (als wäre es je gelungen, als wäre es überhaupt möglich, das zu wissen!) beinahe tödlich.“ Ein anderes Mal heißt es: „Kunst, das ist ein Ort der Begegnung. Des Autors mit dem Gegenstand seiner Liebe, des Geistes mit der Materie, der Wahrheit mit der Phantasie ... Die wahre Kunst deckt vielleicht immer ein Unvermögen, einen Mangel an Meisterschaft auf. Jedenfalls zeigt sich in den genialen Werken, immer etwas; das an ganz elementare Ignoranz grenzt.“