Von Karl-Heinz Wocker

London, im Februar

Vor zwölf Jahren wurde Sir Alec Douglas Home noch durch Kulissenklüngel von Männerklubs zum Tory-Chef ernannt. Vor zehn Jahren waren es dann zum erstenmal die Stimmzettel der Abgeordneten, die den neuen Mann – Edward Heath – an die Spitze stellten. Jetzt ist Margaret Thatcher durch die erstklassige Arbeit einer fast amerikanisch anmutenden Wahlmaschine zum Sieg getragen worden. In einem Dutzend Jahren also hat die Konservative Partei Großbritanniens, was die Führerwahl angeht, den Sprung aus dem 18. ins 20. Jahrhundert getan. Ihre sozialistische Rivalin, die Labour Party, dagegen hängt immer noch im 19. Jahrhundert, eine Gefangene der Überzeugung, wonach sie nur die ausgehaltene Befehlsempfängerin der Gewerkschaftsbewegung sei.

Die gut funktionierende Kampagne war der attraktiven Anwältin Thatcher geradezu auf den Leib geschneidert. Mit dem Spürsinn erfolgreicher Geschäftsleute, was die meisten ihrer engen Mitarbeiter tatsächlich sind, wurde in den entscheidenden letzten vierzehn Tagen vor der Wahl von der Kandidatin alles ferngehalten, was sie hätte ins Lächerliche ziehen können. Plötzlich verschwanden all die herrlich extravaganten Hüte, die bis dahin die unverzichtbaren Attribute jedes Thatcher-Auftritts gewesen waren und die längst das Stilmittel jeder Thatcher-Karikatur sind. Nicht die erfolgreiche Steueranwältin, sondern die ums Heim bemühte Frau und Mutter wurde den Photographen vorgeführt. Daß im mittelständischen Großverdienerhaushalt des Ehepaares Thatcher – sein Ölkaufmannsgehalt, ihre Anwältinnenhonorare plus Abgeordnetendiäten – Personal für die Arbeit am Küchenherd bereitsteht, blieb leicht unterbelichtet in der wuchtig inszenierten Popularität.

Natürlich hatte die Kampagne ihre solide Basis in der erstaunlichen Laufbahn von Frau Thatcher selbst. Sie kommt, wie ihr Vorgänger Edward Heath, nicht aus den adligen und großbürgerlichen Kreisen, denen Parteichefs wie Churchill, Eden, MacMillan oder Douglas Home entstammten, sondern aus dem kleinen, selbständigen Gewerbe. Sie gab sich mit einem abgeschlossenen Chemiestudium nicht zufrieden, sondern fügte ein Jurastudium hinzu. Sie entfaltete ihre beträchtlichen Energien sofort auch in der Politik. Heath gab ihr 1970 das Erziehungsministerium, wo sie sich dem konservativen Parteivolk dadurch empfahl, daß sie den Trend zur staatlichen Gesamtschule stoppte und die privilegierten Gymnasien und ihre Ausleseverfahren mit Zähnen und Klauen verteidigte. Das war in einer Zeit, da die meisten städtischen Schulbehörden dem Einfluß der Labour Party unterstanden.

Der zähe Kampf, den sie damals führte, hat ihr den raschen Aufstieg in den höheren Kreis der Parteiführung gesichert. Daß sie jedoch auch die kostenlose Milchverteilung in den Volksschulen abschaffte, weil – konservativer Gesinnung entsprechend – die Eltern selber und nicht der Staat für solche Aufgaben zuständig seien, sicherte ihr sofort auch einen vorderen Platz auf der Liste der von Labour meistgehaßten Tories.

Margaret Thatcher ist 49, zehn Jahre jünger als Heath. Mit Whitelaw dagegen wäre kein jüngerer Mann an die Spitze gekommen. Sie steht deutlich rechts von der Mitte: Ablehnung des Staatseingriffs in die Wirtschaft, Zurückdrängen des Einflusses der Gewerkschaften, kein Verständnis für Streiks, Abbau des Wohlfahrtsstaats zugunsten einer bloßen Hilfe zur Selbsthilfe. Whitelaw dagegen ist. ebenso bestimmt ein Mann der Mittel Er hat in Nordirland zwischen Scylla und Charybdis geschickt manövriert, ihm hätte man auch Dreiergespräche zwischen Regierung, Unternehmern und Gewerkschaften zugetraut. Dafür sieht man nun im Fall von Frau Thatcher schwarz, und das in dem Maße, in dem die Trade Unions nun rot sehen werden.